FORUM: Internetzeitschrift des Landesverbandes für Kinder
in Adoptiv und Pflegefamilien S-H e.V. (KiAP) und der Arbeitsge-
meinschaft für Sozialberatung und Psychotherapie (AGSP)


 

Nachrichten / Jahrgang 2003

 

Die USA waren Murats letzte Chance

VON AXEL SPILCKER UND TIM STINAUER

 

Jugendamt-Leiter Joachim Henkel äußert sich zur Reise des 14-jährigen Serientäters Murat in einer US-Besserungsanstalt.

Im Kreis seiner Freunde in Bickendorf war Murat der „Star“, im amerikanischen Internat für jugendliche Straftäter Glen Mills ist der 14-Jährige ein Außenseiter. Alleine, auf sich gestellt, ohne Bezugspersonen aus seinem Kölner Umfeld, mit geringen Englischkenntnissen. Auf eben diesen Effekt setzt Klüs Völlmecke, Abteilungsleiter im Jugendamt: „Wenn Murat in dem System überleben will, dann muss er ein bestimmtes Verhalten zeigen. Bisher gab es leider neben den Erziehern auch seine Kumpels, die ihm ständig eintrichterten: »Du bist ein Klasse-Kerl«.“

Vergangene Woche schickte Jugendrichter Othmar Schmäring Murat für ein Jahr in das Privatinternat nach Pennsylvania; eine Anstalt, die ohne Wärter auskommt, in der 500 jugendliche Kriminelle sich gegenseitig kontrollieren. Nur wer sich an die Spielregel hält, steigt in der Hierarchie auf. Pro Tag zahlt das Jugendamt 100 US-Dollar, ein Tag in einem deutschen Jugendgefängnis ist teurer.

Fünfeinhalb Monate saß Murat nach seinem letzten Raubüberfall in Untersuchungshaft. Das Jugendamt hatte kapituliert, nachdem der 14-Jährige aus sieben Einrichtungen herausgeflogen war. Kurz vor dem Prozess wies eine Bewährungshelferin Richter Schmäring auf Glen Mills-School hin. „Es war seine letzte Chance, da in Deutschland nichts mehr zu finden war“, sagte der 54-jährige Jugendrichter. Murats Mutter habe dem eineinhalbjährigen US-Aufenthalt zugestimmt. Sollte der Jugendliche dort über die Stränge schlagen, muss Murat zurück. Dann wartet das Jugendgefängnis. Der Jugendliche werde stetig überprüft, sagte Schmäring. Jeden Monat gebe es Rückmeldungen von der Bewährungshelferin und dem Internat. „Erst einmal wird der Junge Englisch lernen, nach sechs Monaten muss er mit einen Bericht schreiben, wie er sich dort macht“, sagte Schmäring.

Der Jugendrichter plädierte dafür, dass auch in NRW bei schweren Fällen wie Murat geschlossene Einrichtungen notwendig seien. „Murat ist ein Einzelfall. Ähnlich auffällig sind in Köln etwa drei bis fünf Jugendliche pro Jahr. Und meistens reichen unsere Angebote aus, um sie aus der Kriminalität zu holen. Es ist ja kein Problem, den kleinen Anteil, der sich allen Angeboten verweigert, an ausländische Maßnahmen zu vermitteln“, findet Henkel. Doch dann sagt er: „In puncto Heimpädagogik sind wir in Deutschland nicht die besten. Wir haben seit längerem eine Stagnation. Es wird weniger geforscht und ausprobiert als im Ausland. Glen Mills kommt zwar für die Masse der Fälle jugendlicher Straftäter in Deutschland nicht in Frage, aber es wäre wünschenswert, die Umsetzung solcher Maßnahmen hier mal zu prüfen.“ Vor allem Gemeinden in Norddeutschland schicken Problemfälle nach Glen Mills. „40 deutsche Jugendliche waren schon da. Meits waren die Erfahrungen positiv“, sagt Henkels Mitarbeiter Völlmecke.

Kölner Stadtanzeiger vom 15.1.2003, s.a. http://www.ksta.de

 

 

s.a. So wie Murat ist, wird man nicht geboren

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