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Genau zwei Jahre nach dem Skandal (s.a. Nürnberger Jugendamt unter Druck) schlägt der Fall der vernachlässigten Kinder erneut Wellen: Die Grünen im Stadtrat möchten endlich umfassenden Einblick in das Proksch-Gutachten bekommen, das mögliche Fehleinschätzungen und -entscheidungen der Sozialverwaltung im Januar 2001 beleuchtet. Sozialreferentin Ingrid Mielenz verweigert dies bis heute mit Hinweis auf den Datenschutz und will den Stadträten lediglich Auszüge der Expertise zugänglich machen.
Zur Erinnerung: Am Nachmittag des 5. Januar 2001 befreiten Polizeibeamte vier verwahrloste Kinder und etliche abgemagerte Haustiere aus einer Wohnung im Stadtteil Rennweg. Den Beamten bot sich damals ein haarsträubendes Bild. Mehrere Zimmer der Wohnung waren mit Müll übersät, im Badezimmer hausten sechs verdreckte, stinkende Katzen. In den beiden Kinderzimmern, in denen Eimer als Toiletten standen, roch es stark nach Exkrementen tierischen und menschlichen Ursprungs. Die 33-jährige Mutter war seit Stunden fort; die Kinder — zwei, drei, fünf und acht Jahre alt — waren ausgehungert und hatten seit dem Frühstück nichts mehr zu trinken bekommen.
Der Vorfall sorgte für erheblichen Wirbel: Erst stellte sich heraus, dass die Situation der allein erziehenden 33-Jährigen, die insgesamt sieben Kinder hat, den Behörden seit sechs Jahren bekannt war. Dann wurde bekannt, dass der Großvater der Kinder bereits ein Jahr vor der Polizeiaktion das Nürnberger Jugendamt auf die skandalösen Zustände in der Wohnung am Rennweg hingewiesen hatte. Diese Anzeige war im Jugendamt „verloren“ gegangen. Lokale und überregionale Medien stellten schließlich die Frage, ob die zuständigen Mitarbeiter im Jugendamt bzw. beim Allgemeinen Sozialdienst mit der Betreuung dieser Familie überfordert gewesen seien.
Sozialreferentin Mielenz hüllte sich zu all dem in Schweigen, kündigte aber Anfang Februar 2001 eine Untersuchung der Strukturen und Abläufe beim „Hilfesystem für vernachlässigte Kinder“ durch Prof. Roland Proksch als externen Fachmann an. Der Präsident der Evangelischen Fachhochschule wollte sein Gutachten innerhalb eines Vierteljahres vorlegen. Tatsächlich dauerte es über ein Jahr, bis Proksch sein 179 Seiten starkes Papier fertigstellen konnte — nachdem er mehr als 2300 Seiten Akten der Sozialverwaltung durchforstet hatte.
Zu welchem Schluss der unabhängige Gutachter kommt, das wissen die Stadträte im Jugendhilfeausschuss gleichwohl bis heute nicht. Nachfragenden Ratsmitgliedern beschied Ingrid Mielenz, das Papier behandle zu weiten Teilen Probleme, die verwaltungsintern gelöst werden könnten; den Rest müsse die Referentin den Stadträten aus Datenschutz-Gründen vorenthalten.
Für die Grünen ist genau dies unverständlich, weil schutzbedürftige Informationen ja stets in nichtöffentlicher Sitzung beraten werden. Sie fordern deshalb die Vorlage des gesamten Gutachtens im nächsten Jugendhilfeausschuss.
Beobachter fragen sich derweil, ob das Gutachten womöglich massive Fehler in der Sozialverwaltung offenlegt und deshalb unter Verschluss gehalten werden soll. Tilmann Grewe
Nürnberger Zeitung - 4.1.2003
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