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Ein paranoider Vater hat seine schwerkranken Kinder vor drei Wochen aus einer Klinik entführt. Nun hat die Polizei sie gefasst. Aber gelöst ist die Misere der Beteiligten damit noch lange nicht.
Schön wär's, wenn es so wäre, wie Harald Stephan glaubt. "Ende gut, alles gut", sagt der Herr Oberstaatsanwalt am Freitag in Ellwangen. Er meldet einen Erfolg: Die Polizei hat Hans-Peter (55) und Hilde (52) L. gefasst, die vor drei Wochen ihre Töchter aus Krankenhäusern entführt haben, in dem sie das Überleben lernen sollten. In einem Ferienpark im Bayerischen Wald waren sie untergetaucht, genauer in Zwiesel-Erlau, wo sie lange, obwohl bundesweit gesucht, keiner erkannte. Die Festnahme, verrät Stephan, sei mit "viel Geschrei" verbunden gewesen. Aber tröstlich sei, dass der Notarzt die Mädchen in einem "einigermaßen erträglichen gesundheitlichen Zustand" vorgefunden habe.
Das ist eigentlich ein kleines Wunder, wenn man das Drama dieser Familie, ihre verheerende Geschichte betrachtet. Sie ist zum Fürchten. Im Oktober 2000 werden die Kinder in die Psychiatrien nach Heidelberg und Heilbronn gebracht. Evelyn ist 17 Jahre alt, 1,56 Meter groß und wiegt 28,8 Kilogramm. Eyka ist 15, wenige Zentimeter kleiner und wiegt 33,6 Kilogramm. Erina ist zwölf, 1,54 Meter, auf 24,8 Kilogramm abgemagert. Bei allen drei Mädchen stellen die Ärzte eine Kachexie, eine schwere Form der Abmagerung mit körperlichem Verfall, sowie massive psychische Störungen fest. Evelyn ist latent selbstmordgefährdet.
Unter ihrer trockenen, schuppigen Haut finden die Ärzte kaum noch Fettgewebe. Die Mädchen sind depressiv, ihr Gesichtsausdruck ist maskenhaft. Eyka sitzt den ganzen Tag im Schlafanzug im Bett, Kleider und Spielangebote lehnt sie ab.
Es ist Heiligabend, als Hans-Peter und Hilde L. ihre Töchter aus den Krankenhäusern holen. Unbemerkt vom Personal. Sie packen sie in ein Auto, einen gemieteten Toyota, und tauchen unter. Er wollte seine Töchter aus der "unmenschlichen Hölle" befreien, lässt der Vater wissen. Oberarzt Karl Pölzelbauer gutachtet, das Ehepaar L. leugne nicht nur die Erkrankung von Eyka, sondern nehme eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes "billigend in Kauf, um im Kampf gegen den ,Feind' bestehen zu können". Beim Vater Hans-Peter L. diagnostiziert der Heilbronner Oberarzt Schizophrenie, im Fachjargon eine "schwere paranoide psychotische Erkrankung". Eine Erklärung dafür hat Pölzelbauer nicht. "Die Familie", sagt er, sei "nicht verstehbar".
So bleiben nur Annäherungsversuche. Hans-Peter und Hilde L. kommen 1980 nach Freudental im Kreis Ludwigsburg. Er ist Handelsvertreter für Türen, sie Arzthelferin. Beide leben zurückgezogen in einem Reihenhaus, das sie später kaufen. Evelyn und Eyka besuchen die Grundschule. Im Pausenhof sind sie allein, Freunde haben sie nicht. Der Lehrer empfindet sie als "extrem in sich gekehrt". Mit der Zeit fehlen sie immer häufiger in der Schule. Sie hätten Angst vor ihren Klassenkameraden und den Lehrern, sagt L. als Begründung für ihr Fernbleiben. Zum ersten Mal wird die Familie zum Fall für das Jugendamt, die erste Akte wird angelegt. Doch noch steht die Trutzburg, in der sich die L.s verbunkert haben. Sie ist der Schutzwall gegen die Welt draußen, die ihnen als böse und gewalttätig erscheint.
Aber das fragile Gebilde, das schon jetzt wahnhafte Züge trägt, zerbricht mit der "finanziellen Schieflage", die Freudentals damaliger Bürgermeister Hartmut Singer erkennt. Er versucht zu helfen, überredet das Ludwigsburger Sozialamt, mehr Sozialhilfe zu überweisen, bietet der Familie eine Vierzimmerwohnung in "top saniertem" Altbau an. "Das Ergebnis", sagt Singer, "waren üble Beschimpfungen."
Nach dreijährigem Streit wird das Haus 1997 zwangsgeräumt, eine Odyssee beginnt. Die Familie irrt im Norden Baden-Württembergs umher, von einer Ferienwohnung zur anderen, ohne gemeldet zu sein, ohne Schulbesuch der Kinder, bis es am 20. August 1999 zum Showdown kommt. Sieben Polizisten stürmen das Haus, entdecken die Verängstigten in Schränken versteckt und bringen sie in die Jugendhilfeeinrichtung Recklingen-Frauental. Drei Monate sind sie im Heim, bis die Eltern sie Ende 1999 wieder zurückbekommen - trotz ärztlich bescheinigter Unterernährung und schweren psychopathologischen Störungen.
Nun zieht die Familie nach Stuppach, eine Teilgemeinde von Bad Mergentheim. Dort ist die Isolation perfekt. Den ganzen Tag über sind die Rollläden heruntergelassen, nachts streift die Familie mit Taschenlampen durch Streuobstwiesen und sammelt Äpfel. Mit den Nachbarn sprechen die L.s nicht, es sei denn, um ihnen das Grillen zu verbieten. Sie hätten es 14 Tage vorher anzumelden, fordert der ungeliebte Mitbewohner, seine Kinder ertrügen den Fleischgeruch nicht. Sie sind allesamt Vegetarier. Aber immerhin, Hans-Peter L. lässt sie in die Schule. Evelyn und Eyka sind gute Schülerinnen. Eyka hat sogar einen Preis bekommen, im Sport hat sie ein Attest, für körperliche Aktivitäten ist sie zu schwach. "Eyka lernte interessiert und fleißig", notiert ihr Klassenlehrer am Gymnasium Weikersheim, "trug aber aus eigener Initiative kaum etwas zum Unterricht bei."
Schlechter läuft es bei Erina. Sie ist nur wenige Tage im Unterricht. Am liebsten malt sie oder liest. Auch sie ist vom Sport befreit. "Ich kann ein Mädchen ohne Kraft nicht Sport treiben lassen", sagt Henriette Bertsch, die Rektorin. Viele Male, so erzählt sie weiter, habe sie dem Vater erklärt, er müsse auf die Ernährung des Kindes achten und es lernen lassen. Aber es hat nicht gefruchtet. Seit den Sommerferien wurde Erina nicht mehr in der Klasse gesehen. Sie sei mit Steinen beworfen worden, behauptet ihr Vater. "In unserer Idylle", entgegnet Bertsch, "gibt es keine Steine werfenden Kinder."
In der paranoiden Verstrickung der Familie, die Eltern und Kinder nahezu unauflösbar aneinander kettet, gibt es keinen unbefangenen Blick mehr in die Realität, keine Brücke nach draußen. Die Kinder sind das Werkzeug ihres Vaters gegen die feindliche Außenwelt. Insoweit ist der "Hungerstreik" von Evelyn und Eyka, die ihrer Schwester Erina, dem "Opfer" einer bösen Gesellschaft, beistehen wollten, schlüssig. Die Handlungsweise ihres Vaters ebenso.
Die offene Frage ist vielmehr, warum die Jugendämter diesem Elend so lange zugesehen haben. Sie sind von Staats wegen dem Wohl des Kindes verpflichtet, sie haben, drei an der Zahl (Ludwigsburg, Heilbronn, Tauberbischofsheim), Akte für Akte gefüllt und nie wirklich geholfen. Natürlich ist es nicht angenehm, von Hilde L. mit den Worten bedroht zu werden: "Sie haben bald nicht mehr länger zu leben." Und die mittlerweile 13 Anzeigen, die ihr Mann gegen das Tauberbischofsheimer Jugendamt gestellt hat, machen ihn auch nicht sympathischer. Dennoch: Wie kann es sein, dass Kinder in dieser Gesellschaft über Jahre weggeschlossen werden, ihnen die Möglichkeit genommen wird, lebenstüchtig zu werden, ohne dass dem rechtzeitig entgegengewirkt wird?
Frau Krug und Frau Wagner sind gewiss rechtschaffene Staatsdienerinnen. Die eine ist stellvertretende Leiterin des fränkischen Jugendamtes, die andere der Vormund der Familie. Sie arbeiten in einer Behörde, der der Mangel schon am grauen Linoleumboden und der vergilbten Tapete anzusehen ist. Sie würden nie gegen das Gesetz verstoßen, weshalb Elisabeth Krug auch zuerst den Paragrafen 1666 des Bürgerlichen Gesetzbuches vorliest, der den Schutz des Kinderwohls regelt. Danach sagt sie, sie kenne die Familie nicht persönlich, aber es hätte den Eltern nicht verborgen bleiben können, "wenn die Kinder nur ein Schatten ihrer selbst sind". Ihre Kollegin Wagner wiederum meint, es sei sehr schwer, Unterernährung festzustellen, wenn ein Mädchen "fünf Pullover übereinander" anhabe.
Richtig ist, dass die Warnmeldungen aus den Schulen früh gekommen sind, es aber bis Ende September 2000 gedauert hat, bis die Kinder aus ihrem Kerker geholt in die Kliniken eingeliefert worden sind. "Wir haben uns", sagt Krug, "keine Fehler vorzuwerfen." Im System der Behörde, die menschliche Schicksale verwaltet, meist unterbesetzt und mit der Vielzahl der Fälle überfordert, wird das womöglich richtig sein.
Richtig Mühe hat sich Otto Brandner gegeben, der Vorsitzende der "Aktionsgemeinschaft zur Verwirklichung der Rechte des Kindes". In seinem Wohnzimmer im schwäbischen Güglingen stapeln sich 1000 Schicksale, Fälle, in den vor allem Vätern das Sorgerecht entzogen worden ist. Brandner spricht gerne von "Kinderklaubehörde", wenn er Jugendamt meint. Und er spricht aus eigener Erfahrung. Vor vier Jahren sind ihm Tochter und Sohn weggenommen worden, wegen angeblichen Kindesmissbrauchs. Der 59-Jährige hat zehn Monate lang gekämpft, bis er sie wieder hatte. Das Gutachten des Polizeipsychologen hat seine Unschuld bewiesen. Er hat es um den Baum vor der Kirche in Güglingen gewickelt, damit es alle Menschen, die ihn verachteten, lesen konnten. "Heute", sagt der ehemalige Manager, "grüßt mich der Bürgermeister von weitem."
Auch Otto Brandner ist bestimmt ein aufrichtiger Mann. Ihn treibt die leidvolle Erfahrung, ein zu Unrecht Ausgestoßener gewesen zu sein, ein Objekt im Strudel erdrückender Bürokratie. Deshalb setzt er sich für Hans-Peter L. ein, von dem er ahnte, wie schlecht es ihm ging. In seinen Ordnern sammelt er die Protokolle des Familienvaters, in denen akribisch festgehalten ist, welchen "Misshandlungen" sich seine Kinder in den Kliniken ausgesetzt wähnten. Evelyn habe "nackt vor drei Männern" stehen müssen, schreibt ihr Vater. Erina sage, sie werde "seelisch und körperlich krank gemacht". Das Essen sei "dioxinverseucht". Tatsache ist, dass alle drei zugenommen haben. Brandner hat immer wieder mit dem per Haftbefehl Gesuchten telefoniert, seine Verzweiflung gespürt, aber auch die Gefahr. "Wenn L. seinen Kindern befiehlt, in den Neckar zu springen, dann springen sie", sagt er. Er rät ihm, sich zu stellen, "aus dem Loch" zu kriechen.
Doch Hans-Peter L. lässt lieber den Privatsender Pro Sieben in sein Versteck. Er fühle sich "nicht als Verbrecher", teilt er noch am Dienstag der Öffentlichkeit mit, die Entführung betrachte er als "Notwehraktion zum Schutz der Kinder". Jetzt hätten sie nur einen Wunsch: in Ruhe gelassen zu werden.
Der Wunsch ist nicht in Erfüllung gegangen. Am Freitag, morgens um zehn, ist die Familie beim Spazierengehen im Ferienpark aufgegriffen worden. Die Mädchen, meint Staatsanwalt Stephan, könnten jetzt ein "kindgerechtes, befreites Leben" führen. Wahr ist, dass die Odyssee ein vorläufiges Ende gefunden hat. Aber es ist erst der Anfang einer Chance, Evelyn, Eyka und Erina ins Leben zurückzuholen. Der Tagesspiegel - 14.01.2001
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