FORUM: Internetzeitschrift des Landesverbandes für Kinder
in Adoptiv und Pflegefamilien S-H e.V. (KiAP) und der Arbeitsge-
meinschaft für Sozialberatung und Psychotherapie (AGSP)


 

Nachrichten / Jahrgang 2002

 

,,Nur der Tod wäre schlimmer“

 

Nur zwei Monate lang war der kleine Adrian gesund. Dann wurde er so heftig misshandelt, dass er als Schwerstbehinderter in einem Heim leben muss. Seit gestern muss sich der Vater des Jungen vor dem Kieler Landgericht verantworten. Er gestand, den Säugling massiv geschüttelt zu haben.

Kiel - Niemand wird sagen, es sei noch einmal gut gegangen. Denn der kleine Adrian, der mittlerweile fast drei Jahre alt ist, ist seit dem 14. Dezember 1999 blind, taub und geistig schwer behindert. „Nur der Tod wäre die Steigerung gewesen“, sagt Rechtsanwalt Urs Pause bitter, der das Kind als Nebenkläger vor dem Kieler Landgericht vertritt. Dort muss sich seit gestern der Vater des Jungen wegen schwerer Körperverletzung und Misshandlung von Schutzbefohlenen verantworten. Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft: Der 29-Jährige soll in der Nacht zum 14. Dezember 1999 in seiner Kieler Wohnung den damals gerade zwei Monate alten Säugling derart geschüttelt haben, dass der Kopf mehrfach gegen den Rumpf schleuderte. Dadurch, so die Anklage, sollen die so genannte Brückenvenen abgerissen sein, was letztendlich zu der gravierenden Hirnschädigung führte.

Wenn der Angeklagte im Prozess über die unheilvolle Nacht spricht, ist da kein abgebrühter Täter. Im Gegenteil. Er beschreibt sich als komplett überforderten Vater und Ehemann, der damals „wohl irgendwie die Nerven verloren haben“ muss. „Meine Frau war seit Wochen wegen Depressionen im Krankenhaus“, erzählt der Mann. Das Kind wurde mal zur Großmutter und mal zur Hebamme gereicht, war aber auch viel beim Vater. „Ich wollte Adrian nicht in eine Pflegefamilie geben. Es hat ja so weit auch alles ganz gut geklappt“, meint der gelernte Gärtner im nachhinein. Dennoch wurde die Situation für ihn immer unerträglicher: Die Frau kündigte aus der Klinik die Trennung an - wegen eines anderen Mannes und wegen der Alkoholprobleme des Angeklagten. „Das hat mich sehr aufgewühlt“, so der Mann.

Am besagten Abend wollte er deshalb nur noch sein Ruhe und vor dem Fernseher bei Bier und Korn einfach eine Weile alles vergessen. Aber das Kind schrie. Weder Fläschchen, noch Schnuller, noch Herumtragen halfen. Irgendwann vor Mitternacht muss es dann passiert sein: „Ich muss ihn wohl geschüttelt haben. Ich wusste nicht, dass so etwas Schreckliches dabei rauskommen kann“. sagt der Kieler leise, krallt die Finger in einander und starrt ins Leere.

Und dann ist da von der Panik die Rede, die plötzlich hoch kam, als der Kleine sich nicht mehr rührte, nicht mehr atmete und das Ärmchen so herunter hing. Der Vater rief den Notarzt, versuchte verzweifelt Mund-zu-Mund-Beatmung.

Hinzu kam noch die Angst, dass Fremde all die Korn- und Bierflaschen sehen könnten, „denn da war schon mal eine Straftat unter Alkohol gewesen und die Ärzte sollten nicht denken, ich sei asozial“, sagt er.

Also räumte er noch schnell auf – eine Aktion, die die Richterin als „cooles Verhalten“ betitelt und mehrfach hinterfragt.

Immerhin sind da auch Zeugen, die ein anderes Bild zeichnen. Die inzwischen von ihm geschiedene 25-jährige Frau, die im Gerichtssaal um das Leben mit einem gesunden, fröhlichen Kleinkind weint, das sie mit Adrian nie wird führen können, berichtet auch von gewalttätigen Übergriffen gegen sich und das Kind. Nicht immer spielte demnach Alkohol eine Rolle.

Eine Sozialarbeiterin, die sich lange um die seit Jahren psychisch instabilen Eheleute kümmerte, schildert ebenfalls Aggressionen des Mannes und seine Überforderung mit der Situation. Möglicherweise sah sie das Drama kommen. Auf jeden Fall hatte sie Angst, den Vater mit dem Kind zu lange allein zu lassen und schaltete nach eigener Aussage das Jugendamt ein. Die Antwort war demnach ernüchternd: „Sie, die Oma und die Tante sind da. Das geht schon.“ Handlungsbedarf sah man offensichtlich nicht. Das Urteil wird kommende Woche erwartet.
Eckernförder Zeitung vom 30.8.2002
 

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