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Delmenhorst. In der Erziehungshilfe muss sich die Stadt auf Mehrausgaben gefasst machen. Die Fallzahlen bleiben auf einem hohen Stand, liegen derzeit bei 391. Davon machen fast ein Drittel die Kinder mit schweren seelischen Störungen aus. Wenn es bei diesen Fallzahlen und den entsprechend geplanten Hilfemaßnahmen bleibt, würde es auf einen Geldbedarf von fast 7,8 Millionen Euro hinauslaufen – eine Million mehr als im Haushalt kalkuliert. Dies klingt hoch. Doch das Jugendamt hat an einem einzelnen Beispiel aus der Arbeit der Erziehungshilfe einmal dargestellt, wie sich die Kosten zusammensetzen und auf welche Aufwendungen es eine einzige Familie bringen kann. Dabei wurde der Fall natürlich anonymisiert, so dass keine Rückschlüsse auf Personen möglich sind. Als Beispiel dient eine Familie mit Vater, Mutter und vier Kindern im Alter von zwei bis zehn Jahren. Eines Tages stellt die Mutter für die älteste Tochter – sie soll Marie genannt werden und ist zehn Jahre alt – beim Jugendamt einen Antrag auf Förderung in einer heilpädagogischen Tagesgruppe. Marie ist bis dahin einmal in der Woche durch die Frühförderung der Lebenshilfe betreut worden. Einige Zeit später verlässt der Vater die Familie, der Mutter wird das elterliche Sorgerecht übertragen. Ein Jahr später: Marie kommt in die Kinderklinik. Bei der Elfjährigen werden Einkoten und Einnässen festgestellt. Schwere Sprachstörungen, unzureichende augenärztliche Versorgung und schwere Beziehungsstörungen zwischen Mutter und Kind werden ergänzend diagnostiziert. Die Ärzte empfehlen eine Unterbringung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Die Mutter lehnt ab. Im gleichen Jahr unterzieht sich der Vater in einer Klinik einer stationären Alkoholentwöhnung, die Mutter erleidet aufgrund der häuslichen Überforderung einen Nervenzusammenbruch. Sie widersetzt sich einer Unterbringung der Kinder in einer Pflegefamilie. Eine Freundin übernimmt die Betreuung. Eines der Kinder – es sei im Fallbeispiel Hans genannt– ist jetzt zehn Jahre alt und wird vorübergehend in eine Bereitschaftspflegestelle gegeben, er kotet und nässt ein, hat sprachliche Defizite. Wieder ein Jahr später: Drei Kinder kommen in eine heilpädagogische Tagesstätte. Die Mutter ist nicht mehr bereit, die vollgekotete und nasse Wäsche zu wechseln. Der Vater berichtet von seelischen und körperlichen Misshandlungen der Kinder durch die Mutter. Er selbst hat nach der Geburt des vierten Kinder versucht, seine Frau zu töten. Und so haben sich die Kinder mittlerweile entwickelt: Marie hat Untergewicht, nässt und kotet ein, zeigt Verzögerungen in der Grob- und Feinmotorik, die Sprachentwicklung ist massiv verzögert, ihr Gesichtsausdruck ist nachdenklich, angespannt, teilweise abwesend. Ihr um ein Jahr jüngerer Bruder Hans ist körperlich seinem Alter entwickelt, er kotet und nässt ein, seine Sprachentwicklung ist verzögert, er liegt nachts oft wach, hat Albträume. Sein Gesichtsausdruck ist sehr angespannt. Auch der dritte Bruder, drei Jahre jünger als Marie, kotet und nässt ein, wirkt körperlich vernachlässigt, macht im Gegensatz zu seinen beiden Geschwistern aber einen sehr zufriedenen Eindruck, seine Motorik entspricht seinem Alter. Inzwischen sind fünf Jahre vergangen. Da die Mutter nicht mehr mit der heilpädagogischen Tagesstätte zusammenarbeitet, müssen die drei Kinder entlassen werden. Die Familie wird vorübergehend wöchentlich 20 Stunden betreut. Ein halbes Jahr später ist es dann so weit: Die drei Kinder bekommen einen Platz in einer Einrichtung der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Die Kosten betragen pro Kind künftig 51000 Euro im Jahr. Bisher wurden an Hilfemaßnahmen für die Kinder und die Familie bereits mehr als 440000 Euro ausgegeben. Weser Kurier 17.8.2002
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Kommentar: Das Beispiel soll zeigen, daß Problemfamilien viel Geld kosten, es zeigt aber, daß die knappen Mittel sinnlos vergeudet wurden. Eine rechtzeitige psychosoziale Diagnose hätte - notfalls per Sorgerechtsentzug - zu einer rechtzeitigen Unterbringung in einer heilpädagogischen Pflegefamilie geführt mit erheblich niedrigerem Kostenaufwand und vor allen Dingen mit wesentlich erfreulicheren therapeutischen Resultaten. Der in den vergangenen Jahren bundesweit in vielen Kommunen zu registrierende Trend, vernachlässigte und hilfebedürftige Kinder so lange wie möglich falsch zu versorgen, rächt sich mehrfach: einerseits werden Grundbedürfnisse von traumatisierten Kindern im Interesse uneinsichtiger Eltern und ambulanter Sozialdienste ignoriert, andererseits wird der Steuerzahler dafür auch noch nachhaltig zur Kasse gebeten. Kurt Eberhard und Christoph Malter, 21. 8. 02
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