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Muldentalkreis. Die Sozialausgaben des Kreises steigen, die Zahl der Empfänger auch. In Grimma und Wurzen leben die meisten Sozialhilfeempfänger, Grimma hält den traurigen Spitzenplatz.
Und das sowohl was die absolute Zahl betrifft (2000: 258 Frauen und Mädchen, 336 Männer und Jungen) als auch die Anzahl der Sozialhilfeempfänger je 1000 Einwohner. 31,7 wies unter diesem Blickwinkel die Statistik für das Jahr 2000 für die Kreisstadt aus, 30,8 für Wurzen. Zwar mit einigem Abstand, jedoch direkt dahinter folgte Colditz. Anteilmäßig die wenigsten Hilfeempfänger hatte der Gemeindeverband Parthenstein mit 4,6 je 1000 Einwohner. Bad Lausick, Borsdorf, Kühren-Burkartshain und Mutzschen lagen allesamt noch über dem Kreisdurchschnitt von 18,3 Hilfeempfänger je 1000 Einwohner. Und diese Zahl steigt weiter. Ende 2001, schätzt Roswitha Thiemer, Leiterin des Kreissozialamts, dürfte der Wert bei 20 gelegen haben.
Insgesamt brauchten im Jahr 2000 2496 Menschen im Muldentalkreis die "Stütze". Die bestätigten Zahlen für 2001 liegen noch nicht vor, die bekommt Roswitha Thiemer in Form der "Statistischen Berichte" frühestens im Spätsommer auf den Schreibtisch. Der Trend dürfte allerdings anhalten. Schließlich hat das Statistische Landesamt in Kamenz schon jetzt veröffentlicht, dass der Muldentalkreis im vorigen Jahr reichlich zehn Millionen Euro für Hilfe zum Lebensunterhalt und Hilfe in besonderen Lebenslagen ausgegeben hat. Ein Anstieg gegenüber 2000 um 1,2 Millionen Euro. Und die hauseigene Statistik des Sozialamtes hat für den 30. Juni dieses Jahres 2820 Hilfeempfänger ermittelt. 324 oder 13 Prozent mehr als anderthalb Jahre zuvor.
Auffällig in der Statistik: Fast jeder fünfte Hilfeempfänger ist ein Kind bis sieben Jahre, womit diese Klientel die zweitgrößte Altersgruppe darstellt. Roswitha Thiemer erklärt das Phänomen so: "Es gibt Väter, die nicht in der Lage oder nicht bereit sind, ihren Unterhalt zu zahlen". Dann springe in der Regel das Jugendamt mit einem Unterhaltsvorschuss ein. Der sei aber begrenzt und reiche höchstens bis zum sechsten Lebensjahr. Spätestens dann muss die Sozialhilfe einspringen. Fast noch dramatischer: Junge Menschen zwischen 15 und 27 Jahren machten im Jahr 2000 mit 626 die größte Gruppe der Sozialhilfeempfänger aus: Junge Arbeitslose, Jugendliche ohne Lehrstelle. Besonders prekär: Wer keine Lehrstelle bekommt und in einer überbetrieblichen Ausbildung für einige Zeit Bafög bezieht, hat hinterher, wenn er dann immer noch keinen Job findet, keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld und landet beim Sozialamt. Auch in dieser Altersgruppe vertreten: Studenten, die nach dem Studium keine Anstellung finden und erstmal nicht wissen, wie es weiter geht. "Die", so Thiemers Erfahrung, "sind in der Regel nur kurz bei uns".
Altersarmut schein dagegen im Moment noch kein sehr großes Problem im Muldentalkreis zu sein. 69 Menschen im Rentenalter listet die Statistik als Sozialhilfeempfänger auf. Die Generationen davor sind für Thiemer aber ein Alarmzeichen. "Das wäre schlimm", sagt die Amtsleiterin zu der Spekulation, dass die noch etwas jüngern Sozialhilfeempfänger aus der staatlichen Unterstützung nicht mehr herausfänden: "Für diese Gruppen muss es doch andere Alternativen geben. Die heißen für mich immer noch Arbeit!"
Es benötigen nicht nur immer mehr Menschen Sozialhilfe, auch die durchschnittliche Dauer, für die der Staat unter die Arme greifen muss, steigt an. Mitte der neunziger Jahre konnte sich ein hiesiger Sozialhilfeempfänger seinen Lebensunterhalt im Schnitt nach zehn Monaten wieder selbst verdienen. Im Jahr 2000 war er schon 14,6 Monate auf Hilfe angewiesen.
Dass es dabei auch immer wieder Fälle gibt, in denen jemand versucht, das Sozialamt auszunutzen, falsche Tatsachen vorzutäuschen, das weiß Roswitha Thiemer nach zwölf Jahren Dienst in der Behörde genau. Weswegen sie auch zugibt, dass sie mit den Jahren härter geworden sei, genauer hinsieht, lieber eine Unterschrift und eine Bestätigung mehr fordert. Sogar für eine Schwangerschaft will die Behörde die Unterschrift eines Arztes sehen, nachdem hier tatsächlich mal eine Frau den dicken Bauch vorgetäuscht hat. Bei ganz dreisten Zeitgenossen hilft dann nur noch der Gang zur Justiz. Die Staatsanwaltschaft sitzt gleich eine Etage höher. Leipziger Volkszeitung vom 18. Juli 2002
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