FORUM: Internetzeitschrift des Landesverbandes für Kinder
in Adoptiv und Pflegefamilien S-H e.V. (KiAP) und der Arbeitsge-
meinschaft für Sozialberatung und Psychotherapie (AGSP)


 

Nachrichten / Jahrgang 2002

 

Prozess gegen Selinas Mutter
In der Kindheit geschlagen
Vater der Angeklagten bestätigte Aussage seiner Tochter

GUDRUN BAYER
 

FÜRTH – Vier Zeugen, nur eine Aussage – das ist die Bilanz des dritten Verhandlungstages im Mordprozess um den Tod der kleinen Selina.

Die Jugendkammer des Landgerichts Nürnberg-Fürth wollte die Eltern von Simone H. (22) hören. Die Fürtherin ist des Mordes angeklagt, weil sie im Mai 2001 ihre neun Monate alte Tochter mit dem Kopf so an die Wand geschlagen hat, dass Selina starb. Zum Prozessauftakt hatte Simone H. gestanden. Dabei erzählte sie, dass sie selbst von ihren Eltern misshandelt worden war.

Die 49-jährige Mutter sagte nicht aus. Der Vater, ein 61-jähriger Werkzeugmacher, bestätigte dagegen, dass er seine Tochter mit Schlägen erzogen hat. „Wenn das Quantum zusammengekommen ist, dann ist mir schon mal die Hand ausgerutscht“, erzählte er. „Wenn das Reden nichts hilft, muss man halt hinhauen.“ Es können ihm beim Schimpfen auch Beleidigungen wie Hure oder Nutte „herausgerutscht“ sein. Dass seine Frau die Tochter in den Schrank gesperrt hat, als sie noch kleiner war, habe er nicht gesehen. Simone habe es ihm aber erzählt. Sein Kommentar: „Da wird sie halt frech gewesen sein.“

Die beiden Ärzte des Fürther Klinikums, die Selina vor ihrem Tod wegen eines Oberschenkelbruchs behandelt hatten, sagten ebenfalls nicht aus. Das juristische Problem: Ist ein Patient gestorben, können Ärzte nicht nachträglich von der Schweigepflicht entbunden werden. Selbst, wenn der Patient ein Säugling war. So blieben einige Fragen ungeklärt. Zum Beispiel, ob Selina neben dem frischen Oberschenkelbruch tatsächlich einen alten Unterschenkelbruch hatte. Und warum die Ärzte trotz ihres Verdachts auf Misshandlungen das Jugendamt nicht verständigten. In einem Brief an den Kinderarzt hatten sie das zwar angekündigt; beim Amt ging aber wohl kein Hinweis ein.
Nürnberger Nachrichten:  - 24.7.2002

 

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