|
von Dirk Steinmetz
Untergebracht in einer Pflegefamilie sollen Kinder sicher und behütet aufwachsen. In Wuppertal wird zurzeit ein Prozess um den Tod eines fünfjährigen Mädchens in einer Pflegefamilie geführt. Birgit Nabert aus Rieseby soll bei Stern-TV live bei Günther Jauch über Fehler im System informieren.
Von den eigenen Eltern vernachlässigt, körperlich und seelisch misshandelt, sollen Kinder von einem Monat bis 18 Jahren, Hilfe bei Pflegefamilien finden. Ausgewählt werden die von den Jugendämtern, bei denen sich Familien bewerben. Dabei werde unterschieden in Bereitschaftspflege und Dauerpflege, so Nabert, die Vorsitzende des hiesigen Landesverbandes Kinder in Adoptiv- und Pflegefamilien (Kiap) ist.
Im Wuppertaler Fall soll eine Pflegemutter das kleine Mädchen misshandelt haben. Es starb am 18. März. Das Kind sollte in Bereitschaftsaufnahme für drei Monate aufgenommen werden. Tatsächlich aber beließ das Amt das Kind fast ein Dreivierteljahr in der Familie, so Nabert. Neben dem Pflegekind lebten in der Familie ein 22-monatiges Wickelkind, ein Neunjähriger und der Ehemann, berichtet Nabert. Sie kenne den Fall sehr genau, weil er besonders drastisch offen lege, dass das System um die Pflege von Kindern massive Fehler habe.
Die Aufnahme von Pflegekindern in die eigene Familie könne diese sehr durcheinander wirbeln. "Pflegeeltern müssen darauf vorbereitet sein und wissen, dass Pflegekinder auf Grund ihrer Vorgeschichte Defizite und Verhaltensauffälligkeiten haben", so Nabert. Besonders, wenn die Kinder durch den Alkoholgenuss der Mutter während der Schwangerschaft geschädigt wurden, fiele ihnen das Lernen sehr schwer. Wer mit den Maßstäben seiner eigenen Kinder an diese Aufgaben heran gehe, der werde sich wundern. Sie und ihre Familie betreuen seit zehn Jahren drei Pflegekinder.
Sie kenne viele Fälle, in denen Familien feststellten, dass bei ihnen ein Zimmer frei sei, und sie aus Nächstenliebe einem weiteren Kind in Pflege die Chance auf ein Leben in Frieden und ohne Gewalt zu ermöglichen. Doch so einfach sei die Praxis nicht. Als Krisenhelferin des Kiap kenne sie zig Fälle in Norddeutschland, wo Pflegefamilien Hilfe und Unterstützung bitter nötig hätten.
Ein Grundproblem ist nach Ansicht von Nabert, dass Pflegefamilien nur sehr wenig und völlig unzureichend auf ihre schweren Aufgaben vorbereitet würden. So müssten Tagesmütter, die Kinder nur stundenweise betreuen, eine Blockausbildung von 160 Stunden in einem halben Jahr absolvieren. Um hingegen Pflegekinder, die traumatisiert, misshandelt, vernachlässigt und verängstigt sind aufzunehmen, und mit ihnen 24 Stunden an 365 Tagen im Jahr zu leben, müssen rund zehn Stunden Informationsveranstaltung reichen, stellt Nabert fest. "Das passt nicht zusammen."
Dass Pflegeeltern mit ihren Aufgaben überfordert sind, kann Nabert gut nachvollziehen. Wenn diese aber, wie im Fall der Wuppertaler Mädchens, keine Unterstützung durch die Jugendhilfe oder ein anderes Netzwerk erhalten, sei das fatal. Das die Pflegemutter dem Kind vermutlich etwas antat, sei nicht zu entschuldigen, so Nabert, wenn gleich ihr die Pflegemutter sehr leid tue. Sie hätte auf Hilfe bestehen müssen.
Pflegefamilien müssten den Kindern nachhaltige Perspektiven bieten können, dazu gehörten Verlässlichkeit, Vertrauen und der Schutz vor den leiblichen Eltern. Dem Widerspreche jedoch die rechtliche Praxis, wonach das Elternsorgerecht über dem Recht des Kindes stehe. Immer wieder müsse sie als Krisenhelferin einspringen, wenn Ämter und Gerichte Pflegekindern Kontakte und Besuche bei ihren Peinigern vorschrieben. Dabei beriefen sich Gerichte und Ämter auf ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs. "Dabei wird die Ausnahmeregelung allerdings immer unterschlagen", so Nabert. Ganz klar heiße es dazu in einem Kommentar zum § 1666 des Bürgerlichen Gesetzbuches, "dass das Kindesrecht bei echten und schwerwiegenden Konflikten über das Elternrecht" gehe. Hauptgrund, warum sich Gerichte und Ämter auf das EU-Urteil stützten, sei ihre Sorge, die leiblichen Eltern könnten das Sorgerecht einklagen, vermutet Nabert.
Mit ihrem Beitrag bei Stern TV will Nabert für "mehr Rechte für Kinder und Pflegeeltern" werben. Dabei liege es auf der Hand, dass mehr Geld für Pflegefamilien wie Pflegekinder in die Hand genommen werden müsse, damit die Kinder Teil der Gesellschaft werden.
Voraussichtlicher Sendetermin: 3. Dezember, 22.15 Uhr, RTL
SHZ 25.11.
s.a. www.kiap-sh.de
|