Nachrichten / Jahrgang 2008

 

Vor einem Jahr verhungerte Lea-Sophie

 

Sie war bis auf die Knochen abgemagert, hatte schütteres Haar und Liegegeschwüre. Lea-Sophie, das von ihren Eltern vernachlässigte kleine Mädchen aus Schwerin starb am 20. November 2007 kurz vor Mitternacht in einem Schweriner Krankenhaus.

 von Knut Degner

Schwerin (ddp) Ihr An ihrem letzten Lebenstag wog die fünfjährige Lea-Sophie nur noch 7375 Gramm. Normal wären in ihrem Alter 15 bis 20 Kilogramm gewesen. Ihr Schicksal bewegte Menschen in ganz Deutschland und löste eine Diskussion über den Kinderschutz und die Kompetenzen von Jugendämtern aus. Die Stadtspitze Schwerins geriet wegen ihrer zögerlichen Aufklärung behördlicher Versäumnisse in die Kritik.

Durch die Tragödie habe sich vieles geändert in der Stadt und im Land, versichert Schwerins neue Oberbürgermeisterin Angelika Gramkow (Linke), Nachfolgerin des wegen seines Krisenmanagements per Bürgerentscheid abgewählten Norbert Claussen (CDU). Die 50-jährige Gramkow, selbst Mutter zweier Kinder, nennt es „bitter, dass erst etwas passieren muss, um auf Schwachstellen aufmerksam zu werden“.

Am Todestag von Lea-Sophie will sie deren Grabstätte aufsuchen. „Natürlich sehe ich mich angesichts dieses Geschehens in meiner Heimatstadt in besonderer Weise in der Pflicht“, sagt Gramkow. In Schwerin werde inzwischen alles Menschenmögliche getan, damit sich eine solche Tragödie nicht wiederholen könne, beteuert sie und zählt Details auf: Das Jugendamt wurde personell aufgestockt, ein Fahrzeug für dringende Einsätze angeschafft, interne Arbeitsabläufe wurden optimiert, wie sie sagt.

Die Verwaltungschefin will zusammen mit Partnern möglichst rasch im Rahmen eines Netzwerkes ein Frühwarnsystem für solche Fälle installieren, in denen Kinder offenbar vernachlässigt oder misshandelt werden. Kindertagesstätten, Schulen und auch Ärzte sollen darin eingebunden sein. „Ich strebe zudem eine weitere personelle Verstärkung an und hoffe dafür besonders gut ausgebildete und junge Kräfte zu finden“, sagt Gramkow.

Ein Kriterium für eine Einstellung seien neben pädagogischen auch juristische Kenntnisse. Vorrang bei der Arbeit der Jugendämter sollen demnächst die Hilfe, Begleitung und Unterstützung für überforderte Eltern sein, damit diese sich nicht aus Angst vor einem möglichen Kindesentzug abschotten und auf Hilfsangebote verzichten. Der auf Seiten der Stadtvertreter mit der Aufklärung behördlicher Fehler befasste Fraktionschef von Bündnis90/Die Grünen, Manfred Strauß, will die Aufklärung weiter vorantreiben: „Ich will, dass im Sonderausschuss zu Lea-Sophie noch 2008 alles auf den Tisch kommt, auch was bei den freien Trägern der Jugendhilfe passiert, die vom Jugendamt mit der Betreuung beauftragt werden“, fordert er. Wenn dort hoch qualifizierten Bewerbern eine Bezahlung „auf Hungerlohn-Niveau“ angeboten werde, laufe weiterhin etwas schief. Gelder, die für eine Verbesserung der Arbeit bereitgestellt werden, dürften nicht in der Verwaltung „verschwinden“. Strauß fordert außerdem präzise Aufklärung darüber, wie das Frühwarnsystem funktionieren soll.

Sozialministerin Manuela Schwesig (SPD) will unterdessen mit einem Maßnahmenbündel „unter Druck geratenen Familien helfen und sie stabilisieren“, wie sie sagt. Dazu gehören neben der bereits unter ihrem Vorgänger und jetzigen Ministerpräsidenten Erwin Sellering (SPD) eingerichteten Kinderschutz-Hotline auch landesweit mehr Hebammen als Familienhelferin. Ein wichtiger Baustein im System ist nach ihrer Ansicht auch ein verbessertes Meldesystem bei Vorsorgeuntersuchungen.

Schwesig, die frühere SPD-Stadtfraktionschefin, sieht durch den Fall Lea-Sophie innerhalb der Schweriner Stadtverwaltung eine gewachsene Sensibilität für jene Kinder, die in komplizierten Verhältnissen aufwachsen: „Wenn eine Familie in Not gerät, darf das niemanden kalt lassen“, sagt die 34-Jährige. Die Behörden müssten genau so gut hinschauen wie die Nachbarn. „Wo immer ich kann, werde ich als Sozialministerin dafür werben, dass sich dieser Gedanke durchsetzt“, verspricht sie. „Wenn es in Behörden Missstände gibt, müssten sie sofort angesprochen und beseitigt werden.“ Neben einer akkuraten Aktenführung sei eine gute Kommunikation zwischen Mitarbeitern in den Ämtern von besonderer Bedeutung.

Ostseezeitung, 18.11.

 

 

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