Nachrichten / Jahrgang 2002

 

Deichhorster Drama kam nicht aus heiterem Himmel
Tod des Kleinkindes: Amtgericht erlässt Haftbefehl gegen 19-jährigen Freund der Mutter

von Jürgen Theiner


Delmenhorst. Das Amtsgericht hat gestern gegen den 19-jährigen Flemming F. Haftbefehl erlassen. Der junge Mann hatte am Mittwoch gegenüber der Polizei gestanden, tags zuvor dem zweijährigen Sohn seiner Lebensgefährtin mehrfach so heftig in den Bauch geschlagen zu haben, dass das Kleinkind einige Stunden später an inneren Blutungen verstarb. Als Begründung für die Schläge gab der mutmaßliche Täter an, der Junge habe beim Essen „gequengelt“ (wir berichteten im Hauptteil). Tatort war eine Wohnung an der Deichhorster Alfred-Rethel-Straße. Dort lebt die 20-jährige Mutter des Zweijährigen seit einem halben Jahr. Vor drei Monaten war ihr 19-jähriger Freund, der nicht Vater des Kindes ist, mit eingezogen. Er ist in Delmenhorst nicht gemeldet, bezog auch kein Einkommen – das Paar und das Kleinkind lebten von der Sozialhilfe der 20-Jährigen. Bei Flemming F. wurden gefälschte Personalpapiere sichergestellt. Nach der Tat hatte er sich zunächst bei einem Bekannten versteckt und sein Äußeres verändert, indem er sich seine langen Haare abschnitt. Die Polizei stöberte ihn dennoch auf. Die Ermittler gehen davon aus, dass die tödlichen Prügel nicht die erste Gewalttat waren, die der junge Mann am Kind seiner Freundin verübte. Er soll ihren Sohn schon häufiger geschlagen haben. Die Polizei prüft außerdem, ob ihm Verbrühungen anzulasten sind, die der Zweijährige vor sechs Wochen erlitt.

Gegen die Mutter wird derzeit nicht ermittelt. Sie hatte gegenüber der Polizei angegeben, von den Schlägen auf ihren Sohn nichts mitbekommen zu haben. Auch die zurückliegenden mutmaßlichen Gewalttaten des 19-Jährigen waren für die junge Frau offenbar kein Anlass, die Behörden einzuschalten. Dieses Verhaltensmuster erinnert an einen ähnlichen Fall, den das Landgericht Oldenburg im April abgeschlossen hatte. Dabei war ein 25-jähriger Mann aus der Fridtjof-Nansen-Straße wegen einer brutalen Körperverletzung an seinem wenige Monate alten Sohn zu vier Jahren Haft verurteilt worden. Die Mutter hatte bei der Aufklärung nicht etwa geholfen, sondern sogar noch versucht, dem Täter mit einem falschen Alibi aus der Patsche zu helfen.

Von einem Anstieg häuslicher Gewalt gegen Kinder kann in Delmenhorst nach Einschätzung von Polizei und Jugendamt nicht die Rede sein. Polizeisprecherin Susanne Mittag erklärte gestern auf Anfrage, für das vergangene Jahr sei in ihrer Behörde nur ein einziger Fall von körperlicher Misshandlung eines Kindes unter sechs Jahren aktenkundig. Die tatsächliche Zahl einschlägiger Fälle sei allerdings schwer abzuschätzen. Rathaussprecher Rolf Heitmann äußerte sich ähnlich. Dass die häusliche Gewalt gegen Kinder im Anstieg begriffen sei, könnten die Fachleute im Jugendamt nicht bestätigen. Die Geschäftsführerin des Kinderschutzbundes in Delmenhorst, Anita Janke, weiß von ein bis zwei Fällen pro Jahr, die ihrem Verein aus dem Umfeld Betroffener zur Kenntnis gebracht werden. „Wir bieten uns dann zu einem Gespräch an, aber der Zugang zu solchen Familien ist schwierig“, bringt Janke ihre Erfahrung auf den Punkt.
Weser- Kurier; 31.5.2002

 

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