FORUM: Internetzeitschrift des Landesverbandes für Kinder
in Adoptiv und Pflegefamilien S-H e.V. (KiAP) und der Arbeitsge-
meinschaft für Sozialberatung und Psychotherapie (AGSP)


 

Nachrichten / Jahrgang 2008

 

 Vernachlässigte Kinder: Häufiger Alarm

 

Rheinland-Pfalz Der Tod des kleinen Kevin in Bremen, ein von seiner Mutter zu Tode geschütteltes Baby im Westerwald, der Fund einer Babyleiche in einer Abfallverwertung in Mayen: Es sind tragische Ereignisse, die Menschen zunehmend für Kinderschicksale in ihrer Nachbarschaft sensibilisieren.

Aufsehenerregende Fälle von Kindesmisshandlung und ein neues Kinderschutzgesetz des Landes haben die Verdachtsmeldungen auf sogenannte Kindeswohlgefährdung stark steigen lassen. Seit einem halben Jahr müssen Hebammen, Kliniken und Kinderärzte bei Verdacht auf Misshandlung oder Vernachlässigung die Jugendämter informieren. Auffälligkeiten werden nun deutlich häufiger und früher gemeldet, meint Heinz Müller vom Institut für Sozialpädagogische Forschung Mainz.

In Mainz haben sich Verdachtsmeldungen über vernachlässigte Kinder im Vergleich zu 2006 mindestens vervierfacht. Damit schockte Ulrike Scherhag, Abteilungsleiterin im Sozialamt, den Finanzausschuss der Stadt. Gut ein Drittel der 138 vom Jugendamt betreuten Familien mit insgesamt 280 Kindern kamen erst in der ersten Jahreshälfte hinzu. Betroffen sind viele Kleinstkinder bis zu einem Jahr. Fast die Hälfte der Familien hat einen Migrationshintergrund, in fast zwei Dritteln der Fälle ist eine alleinerziehende Mutter völlig überfordert.

Weniger dramatisch stellt sich die Lage im Rhein-Lahn-Kreis dar. "Keine spürbare Zunahme" aufgrund des neuen Landesgesetzes, meldet Kreissprecher Detlef Oster. Die Zahlen stiegen seit Jahren stetig, "weil die Familienstruktur nicht mehr so funktioniert, wie wir das gerne hätten". Möglicherweise sei das Problem in großen Städten erheblicher.

Andere Beispiele aber zeigen , dass es den Gegensatz zwischen ländlich-intakten Sozialstrukturen und der Großstadt mit Brennpunkten nicht unbedingt gibt. Während nämlich Trier einen Anstieg der Mitteilungen von rund 20 Prozent verzeichnet, ist im Kreis Bad Kreuznach "die Zahl der Meldungen um etwa das Zwei- bis Dreifache gestiegen", sagt Jugendamtsleiter Gerhard Dick. Gingen im ganzen Jahr 2007 rund 60 Meldungen ein, sind es nun jede Woche 2 bis 3. Dick führt dies nicht nur auf neue Kinderschutzgesetze zurück, sondern mehr noch auf "größer gewordene Sensibilität der Bevölkerung", ausgelöst von Medienberichten über besonders grausame Fälle.

So sieht es auch Dicks Amtskollege Hermann Josef Greb im Kreis Altenkirchen. Dort nahmen die Verdachtsmeldungen bereits gegen Ende des Jahres 2007 merklich zu. Seit Januar wurden 195 betroffene Kinder gemeldet - doppelt so viele wie 2007 insgesamt. Familien mit Stiefelternteil oder neuem Partner sind häufiger betroffen als Alleinerziehende.

Das Jugendamt Ahrweiler kommt bei den Gefährdungsmeldungen für Kinder bis sechs Jahre auf 61 Fälle im ersten Halbjahr. Im ganzen Vorjahr waren es 77 Fälle. Einige Kommunen haben noch keinen aktuellen Statistik-Überblick oder keine Vergleichszahlen. Die Stadt Koblenz führt jedoch seit April ein Verzeichnis möglicher Kindeswohlgefährdungen. 31 Einträge hat es bisher, darunter die Hälfte wegen Vernachlässigung und ein Drittel wegen körperlicher Misshandlung. Klarheit dürfte spätestens die Jahresrechnung bringen. Mehr Achtsamkeit wird begrüßt, die Familienhilfen belasten aber den kommunalen Sozialetat.

Die Stadt Mainz zahlt für die ambulante pädagogisch-psychologische Betreuung je Familie 25 000 Euro im Jahr, wenn sie diese Aufgabe wegen fehlender eigener Kapazitäten an andere Anbieter abgibt. Eine Heimunterbringung kostet 43 000 Euro im Jahr. Über die Finanzierung will Sozial- und Finanzdezernent Kurt Merkator (SPD) mit dem Land reden.

Im Kreis Neuwied rechnet Jugendamtsleiter Volker Frohneberg dieses Jahr mit Mehrkosten von 200 000 Euro bei den "Hilfen zur Erziehung". Die Fallzahlen steigen auch dort seit Jahren. Vor Ort entscheiden sich die Mitarbeiter des sozialen Dienstes oft für eine Inobhutnahme gefährdeter Kinder - vor einigen Jahren kam das vielleicht "einmal im Monat" vor. Neuwied ist nicht der einzige Kreis, in dem der Sozialhaushalt zwei Drittel aller Ausgaben verschlingt.

Glücklich schätzen darf sich der Kreis Mainz-Bingen, wo man dank hoher Steuereinnahmen den Haushalt ausgleichen, Schulden abbauen und bereits 2006 eine groß angelegte "Offensive Kindeswohl" starten konnte. Dazu gehören eine personelle Verstärkung um 18 Stellen in Gesundheitswesen und Jugendamt sowie eine 24-Stunden-Rufbereitschaft, damit Fachleute sofort hinausfahren können.

"Es war klar, dass dies Geld kostet" , sagt Kreissprecher Thomas Zöller. "Jedoch sind wir und sämtliche Fraktionen im Kreistag der Ansicht, dass ein möglichst frühes Einschreiten und intensive Präventionsarbeit deutlich geringere Folgekosten nach sich ziehen als die Reaktion auf Vorfälle."

RZ, 8.9.08

 

 

 

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