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Pflegekinder werden mangelhaft betreut, auf die schiefe Bahn geratene Jugendliche erhalten unzureichende Hilfe, Ratsuchende finden keinen Ansprechpartner, Mündel bekommen ihre Betreuer nicht zu sehen, Öffentlichkeitsarbeit bleibt auf der Strecke. Diese und ähnliche Aussagen stammen nicht aus der Feder böswilliger Kritiker, sondern sie kommen direkt aus dem Kreishaus, nämlich von denjenigen, die angesichts wachsender sozialer Probleme ihre Aufgaben nur noch unzureichend erfüllen können.
Der Allgemeine Soziale Dienst, die Pflegekinder- und Adoptionsvermittlung, die Amtsvormundschaften und Amtspflegschaften sowie die Jugendgerichtshilfe und das Betreuungsamt erarbeiteten bereits zu Beginn des Jahres umfangreiche Arbeitsanalysen, die wie ein schriller Alarmton klingen. Was den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu schaffen macht, sind wachsende Aufgabenvielfalt, steigende Fallzahlen und immer häufigere problematische Familienverhältnisse. Die Folge ist ein Arbeitsanfall, der zu Lasten der Betroffenen nicht mehr zu schaffen ist und der das überforderte Personal leiden lässt.
In einzelnen Bereichen der Sozialen Dienste sind die Fallzahlen in den vergangenen Jahren dramatisch angestiegen. Wie zum Beispiel bei der Jugendhilfe, bei der es auch um die Unterstützung in Erziehungsfragen und die Eingliederung von seelisch behinderten Kindern und Jugendliche geht; für 1994 protokollierte die Verwaltung 158 Fälle, 2007 waren es 715, was einem Zuwachs von 353 Prozent entspricht. Oder bei der Beratung und Unterstützung von Alleinerziehenden: hier hatten es die amtlichen Helfer 1994 mit 195 Müttern und Vätern zu tun, im vergangenen Jahr waren es 358, und damit ein Plus von fast 84 Prozent. Fazit der Allgemeinen Sozialen Dienste: „Insgesamt ist die enorme Steigerung der Fallzahlen nicht mit dem derzeitigen Personalschlüssel zu meistern“.
Ähnlich die Hilferufe aus den anderen Bereichen der Sozialen Dienste. Wie zum Beispiel im Pflegekinderdienst, wo sich ein Mitarbeiter um 82 Kinder kümmern muss: „Dieser Betreuungsschlüssel liegt jenseits allen fachlichen Geboten. Die gesetzlichen Rechtsansprüche sind nur bedingt zu erfüllen. Insbesondere ergeben sich daraus auch Risiken in der Wahrnehmung des Kinderschutzes“. Diese Erkenntnis ist besonders brisant. Denn nach den spektakulären Fällen, bei denen in den vergangenen Jahren im Bundesgebiet Kinder ums Leben kamen und daraufhin Behördenmitarbeiter vor Gericht standen, geht in vielen Amtsstuben regelrecht die Angst um.
Beschäftigen mit dem Thema wird sich morgen der Jugendhilfeausschuss bei seiner Sitzung um 16 Uhr im Kreishaus. Der Hauptausschuss des Kreistages hatte die Unterlagen aus den Sozialen Diensten bereits im April auf dem Tisch. In der Runde der Politiker zeigten die brisanten Aussagen Wirkung, denn sie erkannten „eine notwendige Personalverstärkung dem Grunde nach“ an. Die Dramatik spiegelte sich in einem weiteren Beschluss des Hauptausschusses wider: „Sollten aufgrund akuter Gefahren von Kindeswohl sofortige Handlungen personeller Art erforderlich sein, sind die politischen Gremien unverzüglich zu unterrichten“.
Nach den Berechnungen der Verwaltung sind 15 zusätzliche Stellen erforderlich, um die Probleme abzustellen. Kommt es zu einer solchen Aufstockung, wäre fast ein Drittel des Personalabbaus in der gesamten Kreisverwaltung der vergangenen Jahre wieder zunichte gemacht. 2001 belief sich die Gesamtzahl der Planstellen auf 515,75 Arbeitsplätze, für dieses Jahr weist der Haushalt nur noch 475,25 Stellen aus. Die Personal- und Versorgungsauszahlungen sanken von 24,3 Millionen Euro im Jahre 2002 auf 23,6 Millionen Euro im vergangenen Jahr.
Martin Stein
LN, 2.9.
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