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Schwerin – „Was sind das für Menschen, die so etwas zulassen?“, fragt Richter Robert Piepel am Mittwoch bei seiner Urteilsbegründung im Mordprozess gegen die Eltern der kleinen Lea-Sophie. Unter den Augen ihrer Mutter und ihres Vaters ist das fünfjährige Mädchen in einem wochenlangen Martyrium verhungert und verdurstet. Das Landgericht Schwerin stufte dies als Mord durch Unterlassen ein und verurteilte die Eltern zu jeweils elf Jahren und neun Monaten Haft. Eine befriedigende Antwort auf die brennende Frage nach dem „Warum“ wird es aber wohl nie geben.
Die Schwurgerichtskammer sieht es als erwiesen an, dass die Eltern den Tod ihres Kindes zwar nicht gewollt, ihn aber billigend in Kauf genommen haben. Dass die Angeklagten ihre Tochter liebten, steht auch für das Gericht außer Frage. Und doch sahen sie tatenlos dabei zu, wie ihre Tochter immer mehr abmagerte. Am Ende war ihr kleiner Körper so ausgezehrt, dass sogar der Herzmuskel abgebaut wurde. Statt normal 100 Gramm habe er bei Lea-Sophie nur noch 38 Gramm gewogen: „Aus der Sicht des Körpers ist das nichts anderes als Selbstmord“, sagte Piepel.
Lea-Sophie hatte auf die Geburt ihres Bruders Justin im September 2007 mit Eifersucht reagiert und das Essen verweigert. Mit dieser Verhaltensänderung habe insbesondere die Mutter nicht umgehen können, erklärte der Richter. Nicole G. habe sich dadurch in ihrer Mutterrolle gekränkt gefühlt. Sie sei mit der Situation überfordert gewesen und habe Lea-Sophie als Reaktion auf die Kränkung sich selbst überlassen.
Das Kind war mit blutigen Liegegeschwüren und eingewachsenen Kotresten übersät in ein Krankenhaus eingeliefert worden. Der Vater selbst hatte den Notruf gerufen. Wenige Stunden später war das Mädchen gestorben. Der „point of no return“ war laut Gericht bereits um mindestens drei Tage überschritten und Lea-Sophie bereits „dem Tode geweiht“. Das Mädchen wog nur noch gut sieben Kilogramm – normal wäre etwa das Doppelte gewesen.
Die Eltern hätten sich schließlich für den schlechten körperlichen Zustand ihrer Tochter geschämt und Angst gehabt, die Kinder könnten ihnen weggenommen werden, wenn sie diese zum Arzt bringen. Der Vater habe das Leben seines Kindes riskiert, „um in der Öffentlichkeit nicht schlecht dazustehen“, so das Gericht.
Mutter nimmt Urteil weinend entgegen Der Vater von Lea-Sophie, der 26-jährige Stefan T., ist ganz in Schwarz gekleidet erschienen und starrt während der gesamten Verhandlung mit gesenktem Kopf auf den Tisch. Äußerlich ungerührt, zeugt lediglich das nervöse Zucken seiner Hände von einer emotionalen Beteiligung. Nicht ein einziges Mal sehen sich die beiden Angeklagten an.
Nicole G., seine ehemalige Lebensgefährtin, betritt den Saal bereits weinend in türkisfarbener Jeansjacke und Shirt. Auch während der Verhandlung laufen der 24-Jährigen immer wieder Tränen über das Gesicht – vor allem, wenn der Richter auf sie und ihre Rolle als Mutter zu sprechen kommt. Sie hört sich alles sichtbar bewegt mit geschlossenen Augen an.
Die Eltern hätten „ein für Eltern ganz ehernes Grundgesetz gebrochen“, als sie ihr eigenes Kind hilflos dem Hungertod überlassen hatten, betont Richter Piepel. „Die Furcht infolge des schlechten Gesundheitszustandes die Kinder zu verlieren, ist ein niedriger Beweggrund“ lautet die Begründung für die Verurteilung wegen Mordes. Die Verteidigung hatte auf Totschlag plädiert.
Nach der Urteilsverkündung nimmt der Adoptivvater seine tränenüberströmte Tochter in die Arme. Im Prozess hatte der Großvater von Lea-Sophie dem Jugendamt schwere Versäumnisse vorgeworfen. Trotz mehrfacher Vorsprache hatte das Jugendamt nicht reagiert. Das Gericht greift diesen Gedanken in der Urteilsbegründung auf, betont aber, dass „die natürliche Verantwortung der Hege und Pflege der Kinder bei den eigenen Eltern und nicht beim Jugendamt liegt.“
Zuschauer: „Die Reue war echt“ Die Zuschauer reagieren unterschiedlich auf das Urteil, das sich von der Strafzumessung her zwischen den Anträgen der Staatsanwaltschaft und der Verteidigung bewegt. Die 62-jährige Hilde Siewert, die an allen Prozesstagen zugeschaut hat, findet das Urteil gerecht: „Denn innerlich haben sie ja mit ihrem Gewissen zu kämpfen, das ist schlimmer als jede Verurteilung. Das ist denen erst während der Verhandlung bewusstgeworden, was sie da getan haben.“
Auch Hans-Herbert Siggelkow (64) ist mit dem Urteil einverstanden: „Die Reue war echt.“ Ganz anders die siebenfache Mutter Martina Sperlich, als sie von dem Urteil erfährt: „Das ist eine Schande, das ist doch viel zu wenig. Ihre Hunde hat sie noch gefüttert.“ (AP)
Epoch T., 16.7.08
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