Nachrichten / Jahrgang 2008

 

 Vorwürfe gegen Jugendamt

„Unsere Mutter ist abgehauen“

 

von A. Gempfer

Über drei Tage kümmerte sich ein Ehepaar aus Hellenthal im Kreis Euskirchen um ein sechsmonatiges Baby und seine fünfjährige Schwester, die sie mutterseelenalleine vor ihrem Haus gefunden hatten. Jetzt erhebt das Ehepaar schwere Vorwürfe gegen das Jugendamt.

HELLENTHAL. Über drei Tage kümmerte sich das Hellenthaler Ehepaar Sieberath-Huppertz um ein sechsmonatiges Baby und seine fünfjährige Schwester, die sie Samstag mutterseelenalleine und nur spärlich bekleidet vor ihrem Haus gefunden hatten. Jetzt erheben sie schwere Vorwürfe gegen das Jugendamt, dass ihnen die Kinder überlassen hatte, ohne sich persönlich ein Bild zu machen.

„Sie kennen mich doch gar nicht“, hatte Jutta Sieberath-Huppertz fassungslos konstatiert. „Mindestens genauso schockiert war ich, als mir dann Dienstag der Sachbearbeiter des Jugendamtes am Telefon mitteilte, die Mutter werde die kleinen Kinder gleich selbst bei mir abholen und wieder zu sich nehmen.“ Inzwischen hat Jutta Sieberath-Huppertz auf Anraten der Polizei Anzeige gegen die Eltern erstattet.

Der Reihe nach: „Ich habe in der leer stehenden Wohnung über uns gearbeitet“, berichtet ihr Mann Detlef Huppertz, „als eine Frau mit Baby und Kleinkind hoch kam und nach einem Herrn fragte.“ Die junge Mutter hatte nach ihrem ehemaligen Lebenspartner, dem Vater ihrer Kinder, gefragt. „Ich kenne niemanden mit dem Namen“, habe er geantwortet „die Wohnung steht leer“.

„Kurz darauf fielen mir die Kinder im Hof vor unserem Haus auf“, erinnert sich Sieberath-Huppertz. Das Mädchen habe neben dem Buggy mit dem Baby gesessen. „Das Baby trug nur einen dünnen, kurzärmeligen Body, neben ihm eine Literpackung Vollmilch.“ Knapp eine halbe Stunde hätten die Kinder dort alleine gesessen. „Hallo, unsere Mutter ist abgehauen“, habe das Mädchen gesagt.

„Dann kam der Vater, die Mutter hatte ihn wohl telefonisch informiert. Er klagte, seine Frau habe die Kinder hier sitzenlassen und er sei völlig überfordert.“ Auf seine Bitte hin habe Jutta Sieberath-Huppertz die Kinder mit ins Haus genommen, das Baby schrie mittlerweile. In der Zeit habe der Vater seine Eltern, bei denen ein drittes Kind untergekommen war, benachrichtigt, die den Notdienst des Kreisjugendamtes informieren wollten.

„Kurz darauf rief mich dann auch eine Mitarbeiterin an und fragte, ob die Kinder bis Montagmorgen bei uns bleiben könnten“, schildert Sieberath-Huppertz. „Sie gehören zur Familie?“, sei sie gefragt worden und nach Verneinung: „Ach, so, eine Bekannte?“ Darauf habe sie ganz klar gesagt, dass sie völlig fremd sei und die Familie nicht kenne, berichtet Jutta Sieberath-Huppertz. Dennoch erklärte sie sich bereit, die Kinder bis Montag zu versorgen: „Ich konnte sie doch nicht draußen in der Kälte lassen, schließlich habe ich selbst drei Kinder.“

Allerdings habe sie sich sehr gewundert, dass kein Mitarbeiter des Notdienstes gekommen sei, um sich persönlich von der Unterbringung der Kinder zu überzeugen. „Man sagte mir, dafür sei keine Zeit, weil es einen anderen dringenden Fall gebe.“ Kurzfristig organisierte das Ehepaar ein provisorisches Bettchen, Kinderkleidung und Babynahrung. In einem weiteren Telefon bat das Jugendamt das Ehepaar, den Jungen im Mechernicher Krankenhaus untersuchen zu lassen. Nachdem auch zwei Babysitze fürs Auto organisiert waren, wurde der Sechsmonatige schließlich dort untersucht.

„Gott sei Dank hat er ein bisschen zugenommen“, habe die behandelnde Ärztin gesagt und berichtet, dass der Junge bereits drei Mal wegen Unterernährung in Behandlung war. „Das bestätigten mir auch die Eltern des Kindsvaters, mit denen ich am Wochenende mehrfach Kontakt hatte. Samstagabend hatte das Baby heftige Koliken, mein Mann hat ihm stundenlang den Bauch massiert“, erinnert sich Sieberath-Huppertz. „Am Sonntag hat der Kleine dann unheimlich viel und gierig getrunken und viel geschlafen.“ Das fünfjährige Mädchen sei sehr anhänglich gewesen.

"Wie kann man der Mutter die Kinder zurück geben?"
Als der vereinbarte Anruf des Jugendamtes Montagmorgen nicht erfolgte, rief die Hellenthalerin selbst an und wurde vertröstet. Der zuständige Sachbearbeiter sei in einer Besprechung. „Um 16.30 Uhr kam dann der Anruf. Man bat mich, die Kinder noch bis Dienstag zu behalten, dann würden beide von der Mutter abgeholt.“ Das habe sie kaum glauben können: „Wie kann man der Mutter, die die Kinder einfach abgesetzt hat, nun die Kinder zurückgeben?“ Wirklich schockiert habe sie aber, dass auch da kein Mitarbeiter des Jugendamtes hinzu kam.

Die Großmutter berichtete gestern: „Auch wir wurden informiert, dass unsere Enkelkinder am Dienstag von der Mutter abgeholt würden und waren fassungslos.“ Die Mutter habe wohl eine Bescheinigung ihres Hausarztes vorgelegt, die ihr volle Gesundheit attestierte. „Aber wir wissen doch alle, dass das nicht richtig ist, deshalb setzten wir uns seit langem dafür ein, dass die Kinder woanders untergebracht werden. Die junge Mutter leidet am Borderline-Syndrom.“ Das ist eine Persönlichkeitsstörung, die sich in der Unfähigkeit äußert, eine normale Beziehung zu anderen Menschen und zu sich selbst aufzunehmen. Zudem - so die Oma weiter - sei die Wohnung total verdreckt und voller Schimmel, die Kinder würden in jeder Hinsicht vernachlässigt. Neben dem Baby sei auch sein 18-monatiger Bruder bereits im Krankenhaus gewesen, wegen einer Lungenentzündung.

Da sie sich aber mit der Erziehung der drei Enkelkinder, deren Sorgerecht überdies bei der Mutter liege, überfordert fühlten, habe man sich wiederholt an das Jugendamt gewandt. „Nun wissen wir nicht mehr, was wir machen sollen, wir fühlen uns so machtlos. Die Kinder müssen doch zur Ruhe kommen.“ Dass das in deren aktuellem Lebensumfeld nur bedingt möglich zu sein scheint, bestätigte auch der Vermieter der Hellenthaler gegenüber der Rundschau. Er war am Samstag spontan mit dem Kindsvater in dessen Wohnung gefahren, um ein Kinderbett zu holen: „So etwas habe ich noch nie erlebt. Es stank bestialisch, in der Küche war alles voller Schimmel, neben dem WC türmten sich dreckige Windeln.“ Die Kindsmutter sei augenscheinlich verwirrt gewesen. Sie habe in einem Raum gesessen und die Wände beschrieben.

Kölnische Rundschau v. 11.7.

 

 

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