FORUM: Internetzeitschrift des Landesverbandes für Kinder
in Adoptiv und Pflegefamilien S-H e.V. (KiAP) und der Arbeitsge-
meinschaft für Sozialberatung und Psychotherapie (AGSP)


 

Nachrichten / Jahrgang 2008

 

 Tochter geschwängert, Enkelin missbraucht

Jugendamt wusste von Verbrechen und tat nichts

von Katrin Bischoff

 

Neuruppin. Ein furchtbarer Fall von Inzest beschäftigt derzeit die Staatsanwaltschaft in Neuruppin (Ostprignitz-Ruppin). Wie Oberstaatsanwalt Jürgen Schiermeyer am Freitag mitteilte, ermittelt die Behörde gegen einen 67-jährigen Mann aus der Fontanestadt. „Der Rentner steht im Verdacht, über viele Jahre hinweg seine Enkelin sexuell missbraucht zu haben. Bei dem Kind handelt es sich zugleich um die eigene Tochter“, sagte der Oberstaatsanwalt. Das Jugendamt war bereits 1998 von dem möglichen Missbrauch informiert worden – es blieb aber tatenlos. Erst jetzt kam der Fall ans Licht, denn erst jetzt hatte sich das heute 21-jährige Opfer dazu durchringen können, Strafanzeige zu stellen. Der mutmaßliche Täter bestreitet die Vorwürfe. Er ist auf freiem Fuß.

Laut Schiermeyer hatte der Beschuldigte vor Jahren seine Stieftochter vergewaltigt. „Daraus ging dann seine Tochter oder auch Enkeltochter hervor“, erklärte der Oberstaatsanwalt. Als das Mädchen etwa sieben Jahre alt war, soll der Beschuldigte das Kind im Keller des gemeinsamen Hauses erstmals missbraucht haben. Erst vier Jahre später offenbarte sich das Mädchen seiner Mutter und erfuhr, dass sein Peiniger zugleich sein leiblicher Vater ist. Das Kind brach damals zusammen und kam zur Behandlung für vier Monate in die Kinder- und Jugendpsychiatrie der Ruppiner Kliniken. „Wir wissen, dass das Jugendamt 1998 von dem behandelnden Arzt über den Missbrauch informiert worden ist“, sagte Schiermeyer.

Damals sei keine Anzeige erstattet worden – weder vom Jugendamt, noch von dem Krankenhaus. Da das Amt erst von dem Missbrauch erfahren habe, als der mutmaßliche Täter seine Übergriffe eingestellt hatte, sei es rein rechtlich nicht verpflichtet gewesen, Anzeige zu erstatten. „Das Kind und der Beschuldigte lebten nach dem Klinikaufenthalt des Mädchens nicht mehr unter einem Dach. Trotzdem hätten wir uns gewünscht, dass die Verantwortlichen damals anders gehandelt hätten“, sagte Schiermeyer.

Landrat Christian Gilde (SPD), dem auch das Jugendamt untersteht, bestätigte am Freitag, dass die Behörde vor Jahren durch die Klinik kontaktiert worden sei und auch den Brief des behandelnden Arztes erhalten habe. „Sexueller Missbrauch durch den Großvater bzw. den leiblichen Vater“, hieß es darin. „Die Entscheidung des Jugendamtes, keine Anzeige zu erstatten, ist für mich noch nicht nachvollziehbar. Wir sind noch beim Prüfen“, sagte Gilde der Berliner Zeitung. Das sei schwierig, weil es keine Akte über den Fall gebe und die zuständige Mitarbeiterin von damals nicht mehr beim Jugendamt arbeite.

„Trotzdem bin ich weit davon entfernt, die damalige Entscheidung, nicht zur Polizei zu gehen, zu verurteilen. Ich weiß nicht, was damals den Ausschlag dafür gab. Denn eine Pflicht zur Anzeige besteht nicht, es gilt immer zu prüfen, was das Beste für das Kind ist“, sagte Gilde. Hilfe, die damals von dem Krankenhaus angemahnt worden sei, sei von der Mutter des Kindes offenbar strikt abgelehnt worden.

Jahrelang geschwiegen
Der Geschäftsführer der Ruppiner Kliniken, Horst-Michael Arndt, erklärte am Freitag auf Anfrage, er könne zu dem Fall des missbrauchten Kindes aufgrund der laufenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft nicht viel sagen. „Es gibt aber keine Erkenntnisse, dass wir in dem Fall einen Fehler gemacht haben.“

Das Opfer ging erst im August 2007 – also zehn Jahre nach der letzten Tat – zur Polizei und zeigte seinen Großvater und Vater an. Anlass war ein Familienfest. Die 21-jährige Frau soll dabei ihrem einstigen Peiniger über den Weg gelaufen sein und beobachtet haben, wie der Mann lüstern ihre vierjährige Nichte beobachtet hatte, die wegen der sommerlichen Wärme leicht bekleidet war.

Berliner Zeitung, 23.5.2008

 

 

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