FORUM: Internetzeitschrift des Landesverbandes für Kinder
in Adoptiv und Pflegefamilien S-H e.V. (KiAP) und der Arbeitsge-
meinschaft für Sozialberatung und Psychotherapie (AGSP)


 

Nachrichten / Jahrgang 2002

 

So wie Murat ist, wird man nicht geboren

VON MARIANNE QUOIRIN

 

Ein Junge rastet aus. Er klaut, er raubt, er schlägt brutal zu. Er kennt kein Erbarmen mit seinen Opfern. Ein Lehrer, der intervenieren will, wird von dem Dreizehnjährigen mit der Faust niedergestreckt. Versuche der Mutter, ihn in Zusammenarbeit mit dem Kölner Jugendamt zur Vernunft zu bringen, provozieren allenfalls zu neuen Attacken. Der Vater, seit Jahren nicht mehr präsent, hatte Frau und Kind malträtiert. Aufenthalte in offenen Heimen, ein Erziehungsprogramm bei einer Familie in Schweden, unzählige Gespräche von Pädagogen und Polizisten scheitern. Die Betreuer sind vor Attacken nicht sicher, Wachleute müssen sie sogar beschützen. Das Jugendamt forschte lange bundesweit nach einem Heim, das ihn aufnehmen wollte. Alle winkten ab, sobald sie die Vorgeschichte hörten. Erst letzten Donnerstag wird der kriminelle Serientäter außerhalb der Landesgrenze in ein Heim gebracht; in Nordrhein-Westfalen mussten Einrichtungen angesichts langer Wartelisten passen. Ein Stadtteil atmet auf.

Ende gut, alles gut? Mitnichten. Noch vor seinem 14. Geburtstag in zwei Wochen hat der Junge mehr als 150 Straftaten begangen. Dass er ausgerechnet an dem Tag, an dem er strafmündig wird, auch von seinem Raubzügen und Attacken ablassen wird, glauben nicht einmal mehr Optimisten.

Das ist die Karriere eines kriminell gewordenen Kindes, das die Öffentlichkeit mittlerweile unter dem Namen „Murat“ kennt. Sie ist, abgesehen von Details und der Fülle der Delikte, nicht so einmalig, wie der Blick in die Kriminalstatistik verrät. Allein in Köln hat die Polizei etwa 100 jugendliche Intensivtäter registriert, junge Leute mit mindestens zehn Straftaten (davon eine Gewalttat) auf der Latte.

Seit Anfang der 90er Jahre haben sich die Gewalttaten Jugendlicher überall in Europa verdoppelt. Das dokumentieren Vergleichsstudien von Polizei und Justiz. Nur streiten sich die Experten über die wichtigsten Ursachen. Ob häusliche Gewalt den Ausschlag gibt oder mangelhafte Erziehung, Gleichgültigkeit der Eltern, materielle Not, Drogenkonsum, der Werte-Verfall im Allgemeinen, die Konsumorientierung im Besonderen, Horror-Videos oder von allem ein bisschen. Ein Kampf ist auch darüber entbrannt, ob sich der Staat früher als bisher und viel rigoroser ins Familienleben einmischen soll, oder ob staatliche Eingriffe in die private Sphäre schon heute viel zu weit gehen. Während diese Debatten fortdauern, läuft die Zeit davon: Die Täter werden immer jünger, aber auch deren Opfer.

Wenigstens in einem Punkt sind sich die Fachleute einig: Es gibt keine Patentlösung, sondern nur den Kampf um jedes einzelne Kind. Wie soll er geführt werden, wenn die Zahl der Sozialhilfeempfänger unter Kindern stetig wächst, gleichzeitig aber Länder und Kommunen die Ausgaben für Jugendarbeit extrem kürzen. Wer aber jetzt an Hilfsprojekten für Kinder- und Jugendliche spart, wird freilich später einen hohen Preis bezahlen. Denn je mehr die sozialen Gegensätze wachsen, ganze Stadtviertel veröden und verarmen, desto stärker steigt die Gewalt unter Kindern - mit unvorhersehbaren Konsequenzen für die Gesellschaft.

Was tun mit einem Serientäter wie „Murat“, der noch nicht zur Verantwortung gezogen werden kann? Etwa warten, bis er er vor einem Jugendrichter steht? Die Hilflosigkeit, die der Leiter des Kölner Jugendamts angesichts des Falles eingesteht, macht ratlos und wütend. Vor mehr als 20 Jahren hat man eingesehen, dass die Einweisung in ein geschlossenes Heim kaum mehr ist als ein gefährliches Herumdoktern an Symptomen. Es lohnt, daran zu erinnern: Das Heim als Lehrwerkstatt für kriminelle Anfänger, das Heim als Verwahranstalt für Kinder, die meist zuvor selbst Opfer waren, bevor sie selbst zu Tätern wurden.

Der Erkenntnis, dass Wegsperren die schlechteste Lösung ist, folgten verheißungsvolle Projekte;mit einigen ist übers Ziel hinaus geschossen worden, denkt man nur an die an Abenteuerurlaub erinnernden Projekte. Auch die Kooperation von Polizei, Kinderschutzbund, Schule und Jugendamt ist besser geworden. Aber die famosen Programme zur Prävention und ein Frühwarnsystem für Krisen in Problemfamilien scheitern noch zu oft daran, dass die Alarmglocken zu spät läuten. Nicht wenn ein Kind mißhandelt wird, sondern wenn es selbst zuzuschlagen beginnt, registriert die Umwelt das Problem - und ruft nach der Polizei.

Hingucken, hinhören, Kindern beistehen, sich einmischen, wenn Erwachsene ihren Nachwuchs prügeln, bei Renitenz das Jugendamt oder Kinderschutzbund informieren: Das ist keine Spitzeldienst, sondern eine Rettungsmaßnahme für bedrohte Kinder. Denn so wie „Murat“ heute ist, wird man nicht geboren. Dazu wird man gemacht.
Kölner Stadtanzeiger - 12-4-2002


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