FORUM: Internetzeitschrift des Landesverbandes für Kinder
in Adoptiv und Pflegefamilien S-H e.V. (KiAP) und der Arbeitsge-
meinschaft für Sozialberatung und Psychotherapie (AGSP)


 

Nachrichten / Jahrgang 2008

 

 Nach Hunger-Tod

Schweriner OB muss wegen Lea-Sophies Tod gehen

 

Der Oberbürgermeister der Stadt Schwerin, Norbert Claussen, muss insbesondere wegen seines Krisenmanagements im Fall der verhungerten Lea-Sophie sein Amt abgeben. Das Mädchen war Ende in einer Plattenbauwohnung im Stadtteil Lankow qualvoll verhungert. Mutter und Vater sind vor dem Landgericht angeklagt.

Der nach dem Hungertod der kleinen Lea-Sophie in die Kritik geratene Schweriner Oberbürgermeister Norbert Claussen (CDU) muss sein Amt vorzeitig räumen. In einem Bürgerentscheid votierten am Sonntag nach vorläufigem Wahlergebnis 29 149 Bürger für die Abwahl des Verwaltungschefs. Mindestens 26 772 Stimmen waren nach der Kommunalverfassung Mecklenburg-Vorpommerns notwendig. Damit ist Claussen der erste Politiker in Schwerin, für den der Fall Lea-Sophie persönliche Konsequenzen zur Folge hat. Die Fünfjährige war im November 2007 verhungert, obwohl dem städtischen Jugendamt Hinweise auf eine mögliche Gefährdung des Kindswohls vorlagen. Untersuchungen hatten erhebliche Defizite in der Arbeit der Behörde offenbart.

Die Beteiligung an dem Bürgerentscheid lag mit 44 Prozent deutlich höher als bei den derzeit laufenden Landratswahlen. „Diese hohe Beteiligung zeigt, dass wir mit dem Abwahlantrag den Nerv der Bürger getroffen haben“, sagte Angelika Gramkow von der Linksfraktion in der Stadtvertretung. Die Landtagsabgeordnete gilt als mögliche Kandidatin für die nun innerhalb von vier Monaten abzuhaltende Neuwahl des Oberbürgermeisters. SPD-Fraktionschefin Manuela Schwesig sprach von einem „guten Tag für Schwerin und für die Demokratie“. Die Bürger hätten mit ihrer Abstimmung ihre große Unzufriedenheit mit der Amtsführung des Oberbürgermeisters deutlich gemacht. „Nun hat die Stadt die Chance für einen Neuanfang, den wir aber auch nutzen müssen“, sagte die SPD-Politikerin.

Etwa 83 Prozent der Wähler hatten gegen Claussen gestimmt, dessen Amtszeit eigentlich bis 2010 gereicht hätte. „Am Ende ein klares Ergebnis, das zu akzeptieren ist“, stellte der 50-Jährige am Abend fest. Die Auseinandersetzung unmittelbar vor dem Wahlgang sei von seinen Kritikern aber „auch weit unterhalb der Gürtellinie geführt worden“, klagte er. Claussen war nicht nur für sein Krisenmanagement im Fall Lea-Sophie in die Kritik geraten. Ihm wurden auch mangelnde Kompetenz und fehlender Entscheidungswille nachgesagt. Für seine Äußerung, Schwerin habe mit dem Fall des verhungerten Kindes „Pech gehabt“, hatte Claussen bundesweit Entrüstung ausgelöst. Er entschuldigte sich später.

Ein Abwahlantrag für den verantwortlichen früheren Sozialdezernenten Hermann Junghans (CDU) war Ende Februar in der Stadtvertretung überraschend gescheitert. Junghans ist weiterhin Dezernent, wurde aber mit anderen Aufgaben betraut.

Lea-Sophie war Ende in einer Plattenbauwohnung im Stadtteil Lankow qualvoll verhungert. Die 24 Jahre alte Mutter und der 26 Jahre alte Vater sind wegen gemeinschaftlichen Mordes und Misshandlung Schutzbefohlener vor dem Landgericht Schwerin angeklagt. Mitte April war der erste Prozesstag. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft hatte das Mädchen über mindestens zwei Monate nicht genug zu essen und zu trinken bekommen. Zum Schluss wog es noch sieben Kilo, weniger als die Hälfte des Normalgewichts für Kinder dieses Alters.

Welt, 28.4.

 

 

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