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ucs Bonn. Es war wenige Tage vor Weihnachten 1999, vormittags: Auf dem Bürgersteig stehen zwei Kinder und winken. Ein Streifenbeamter freut sich über die nette Geste und winkt zurück. Etwas aber stimmt doch nicht an den beiden Jungen. Sein Kollege schließlich nimmt ihm den Gedanken vorweg: "Die haben ja Schlafanzüge an!" Die Polizeibeamten halten an - und trauen ihren Ohren kaum.
Die beiden ramponiert wirkenden Brüder erklären, sie seien aus Angst vor ihren Pflegeeltern abgehauen. Aus dem Fenster ihres Kinderzimmers hätten sie die Flucht ergriffen; über ein Mäuerchen mit Zaun und dann nichts wie weg... Seit einem Jahr bereits würden sie grün und blau geschlagen, mit Bettenrosten, Holzlatten, Kochlöffeln.
Die Körper waren voller Blutergüsse
Die beiden Brüder, damals zehn und acht Jahre, werden noch an diesem Tag im Krankenhaus untersucht. Die Kinderärztin wiederum traut ihren Augen nicht "So etwas Erschreckendes", erzählte sie gestern vor dem Bonner Amtsgericht, habe sie an Kinderkörpern noch nie gesehen: "Blutergüsse von oben bis unten, hinten und vorne."
Alte und noch ganz frische Wunden. Der Po des Älteren sei "ein einziger blauer Fleck" gewesen. Später erzählen die beiden Kinder einer Polizeibeamtin, was sie angeblich seit einem Jahr bei ihren neuen Pflegeeltern erlebt haben wollen. Die Mitschrift des Gesprächs ist achtzig Seiten lang.
Wegen Kindesmisshandlung und gefährlicher Körperverletzung müssen sich seit gestern ein 51-jähriger Arbeiter und seine 35 Jahre alte Ehefrau vor einem Jugendschöffengericht verantworten.
Die Anklage wirft ihnen vor, die Kinder, die unter ihrem Schutz und Fürsorge gestanden haben, mindestens in 31 Fällen wegen Bagatellen gequält und roh misshandelt zu haben: Bagatellen, so zählt der Ankläger auf, seien ein Frühstücksbrötchen gewesen, das die Pflegemutter in der Schublade gefunden hatte.
Ein Bild der Großmutter, das von der Wand gefallen war. Oder auch die gefälschte Unterschrift der Mutter, die die Kinder aus Angst vor einem "blauen Brief" ins Schulheft gesetzt hatten.
Die kinderlosen Pflegeeltern aber fühlen sich völlig zu Unrecht beschuldigt. Vor Gericht beteuern sie, sie hätten die beiden Kinder, die sie ursprünglich adoptieren wollten, niemals geschlagen. Vielleicht ein Klaps, ja, aber mehr nicht. Die vielen Verletzungen, so mutmaßen sie, hätten die Jungen vom Sport oder anderen Raufereien.
Die 35-Jährige vermutet gar, dass die Kinder an jenem Morgen, als sie von der Streife aufgegriffen wurden, Opfer einer dritten Person geworden seien. Sie habe geglaubt, die beiden - durchaus nicht leicht zu erziehenden - Knaben seien in der Schule gewesen.
Brüder leben wieder im Heim
In der kommenden Woche müssen die Kinder nun als Zeugen gehört werden. Seit dem Vorfall sind die heute zehn und zwölf Jahre alten Brüder wieder in einem Heim - ganz weit weg von Bonn. Beide Kinder wurden bereits als Säuglinge ihren leiblichen Eltern weggenommen, weil die Verhältnisse unzumutbar gewesen seien. Seitdem leben sie in verschiedenen Kinderheimen.
Das Jugendamt war froh, als sie für die beiden Jungen, die schwere psycho-soziale Schäden haben, ein neues Zuhause gefunden hatten. Die Kinder selbst hatten sich gewünscht, in dem Haus der jetzt angeklagten Pflegeeltern zu leben. Ein Haus, in dem nicht nur Hunde, Katzen und Vögel, sondern auch Kinder Platz zu haben schienen. Bonner Rundschau 15.3.2002
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