FORUM: Internetzeitschrift des Landesverbandes für Kinder
in Adoptiv und Pflegefamilien S-H e.V. (KiAP) und der Arbeitsge-
meinschaft für Sozialberatung und Psychotherapie (AGSP)


 

Nachrichten / Jahrgang 2007

 

Obduktionsbericht:
Die fünfjährige Lea-Sophie ist verhungert und verdurstet -
Schwere Vorwürfe gegen Schweriner Jugendamt

 

Vor zwei Wochen waren zwei Mitarbeiter des Amtes bei der Familie - nach einem anonymen Hinweis. Womöglich haben sie das Mädchen aber gar nicht gesehen.

Von Özlem Topcu

Schwerin - Jetzt ist es amtlich: Lea-Sophie, ein fünfjähriges süßes Mädchen mit rötlichen Haaren, Knopfaugen und Stupsnase, ist verhungert und verdurstet, weil ihre Eltern sie nicht ausreichend ernährt haben. Das ergab die Obduktion der Leiche.

Über mehrere Monate wurde das Kind nicht richtig ernährt, es hatte sogenannte Durchsitzgeschwüre am After und an den Lenden. Das bestätigte Oberstaatsanwalt Hans-Christian Pick. Zum Schluss wog es nur noch 7,4 Kilogramm - so viel wiegen Babys, die noch kein Jahr alt sind. Gegen die Mutter Nicole G. (23) und ihren Lebensgefährten Stefan T. (26), der sich vor der Staatsanwaltschaft als Lea-Sophies Vater bezeichnet hatte, wurde Haftbefehl wegen gemeinschaftlichen Totschlags erlassen.

Unterdessen wird die Kritik am Jugendamt Schwerin immer lauter. Die Familie sei der Stadtverwaltung bekannt, es habe einen anonymen Hinweis auf Vernachlässigung gegeben.Vor zwei Wochen seien zwei Sozialarbeiter in dem Haus der Familie in Lankow gewesen, heißt es. Sozialdezernent Hermann Junghans sagte am Mittwoch, dass die Mitarbeiter keine Auffälligkeiten festgestellt hätten. Mittlerweile wird bezweifelt, dass die Jugendamt-Mitarbeiter das kleine Mädchen überhaupt gesehen haben. Für eine Stellungnahme war die Leiterin des Jugendamtes, Heike Seifert, nicht zu erreichen.

Der Stadtteil Lankow in Schwerin. Drei Tage nach dem Tod der kleinen Lea-Sophie erinnert in den Straßen der Plattenbausiedlung nur wenig an das traurige Schicksal des Mädchens. Vor der Eingangstür des Mehrfamilienhauses an der Kieler Straße haben Anwohner Grablichter und Kuscheltiere aufgestellt. Auf einer Karte mit Bärchen-Aufklebern steht: "Liebe kleine Lea-Sophie! So früh und so grausam zu sterben ist ein sinnloser Tod." Auf einem Holzschild steht: "Warum?"

Über die Familie des Mädchens weiß man hier nicht viel. Gerüchten zufolge hatte die Mutter Nicole G. keine gute Beziehung zu ihren Eltern. Norbert G., der Vater von Nicole, sagte gegenüber "Spiegel online": "Wir können uns nicht erklären, was passiert ist. Etwa acht Wochen lang haben wir unsere Enkelin nicht gesehen - und jetzt das. Es ist furchtbar."

In einer 65 Quadratmeter großen Dreizimmerwohnung im fünften Stock eines Mehrfamilienhauses wohnte das Mädchen mit seinen Eltern und seinem zwei Monate alten Bruder Justin. Bis Dienstagabend. Dann starb es. Mehr noch, es verendete qualvoll. Von Lea-Sophies Martyrium hat in Lankow offenbar niemand etwa mitbekommen. Die Nachbarn wussten nicht einmal von ihrer Existenz: "Wir haben nie etwas gehört, keinen Ton. Die Eltern sind abends oft mit den beiden Hunden und dem Baby spazieren gegangen. Da war nie ein kleines Mädchen dabei", sagt ein Ehepaar, das direkt unter der Familie wohnt. Die beiden wirken mitgenommen: "Ich weiß einfach nicht, was ich sagen soll. Sie haben immer nett gegrüßt. Wir hatten keinen Verdacht", sagt der 60-jährige Mann.

Die Wohnung von Lea-Sophies Familie erscheint von außen unauffällig: Blumen auf dem Balkon, gepflegte Gardinen hinter dem Fenster daneben, mit buntem Aufdruck. Eine aus Papier ausgeschnittene Blume hängt davor. Vor der Wohnungstür liegt eine Fußmatte mit Hunde-Aufdruck. Nicole G. hat drei Topfpflanzen ins Treppenhaus gestellt. Kein Laufrad, keine kleinen Schuhe, nichts deutet darauf hin, dass hier ein kleines Kind lebte.

Ein anderer Nachbar lässt seinen ganzen Unmut über die jungen Eltern aus. Ihre beiden Hunde, die vier Katzen und ihre Reptilien hätten die Hartz-IV-Empfänger gut behandelt. Aber das Kind verhungern lassen. Man habe sie häufig mit Katzenstreu-Tüten gesehen, selten aber mit Einkaufstüten. Das Paar habe Unruhe ins Haus gebracht. "Ich habe selbst eine Enkelin. Sie glauben gar nicht, wie sehr mich das bedrückt", sagt der 67-Jährige unter Tränen. Und: "Wieso setzen die Kinder in die Welt und lassen sie dann sterben?"

Etwa zehn Kilometer von der Lankow-Siedlung entfernt hat Nadine Schomann ihr Büro beim Kinderschutzbund Schwerin in der Perleberger Straße. Die Sozialpädagogin, die missbrauchte Kinder betreut, sucht auch nach Antworten. Die Zahl misshandelter und vernachlässigter Kinder in der Landeshauptstadt steige an: "Gab es 2006 noch 42 bekannte Fälle, waren es im ersten Halbjahr dieses Jahres schon 85", so Schomann. Auf die Frage, ob Lea-Sophies Zustand den beiden Jugendamt-Mitarbeitern nicht hätte auffallen müssen, die vor etwa zwei Wochen deren Wohnung aufgesucht hätten, sagt sie zurückhaltend: "Kein Kommentar."

Hamburger Abendblatt am 23. November 2007

s.a. Harry Glawe: Kein Verstecken hinter Zuständigkeiten – Kindstod ehrlich aufklären und Verantwortlichkeiten benennen

s.a. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,519317,00.html

s.a. http://www.stern.de/politik/panorama/:
Verhungerte-Lea-Sophie-Jugendamtsmitarbeiter/603367.html

 

 

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