Nachrichten / Jahrgang 2007

 

Wie konnte die schreckliche Tat geschehen? Bohrende Fragen auch an das Jugendamt

 

Von Carl Völkl und Gabi Neumeyer

Nördlingen/Baldingen Am heutigen Freitag wird die kleine Leonie auf dem Nördlinger Friedhof beigesetzt. Wie berichtet, ist der Lebensgefährte der Mutter dringend verdächtigt, das Mädchen, das aus der zweiten Ehe der Mutter stammt, in der Nacht zum 11. November misshandelt und dann erwürgt zu haben, nur weil es geschrieen hatte. Der 11. November war der erste Geburtstag der kleinen Leonie. Unterdessen werfen weitere Recherchen der Rieser Nachrichten in Baldingen die Frage auf, warum das Jugendamt so wenig über die Missstände in der Familie mitbekommen hat - offenbar im Gegensatz zu Nachbarn.

Der 42 Jahre alte Josef S. sitzt in Untersuchungshaft und hat nach Angaben der Staatsanwaltschaft bei der polizeilichen Vernehmung die Tat eingeräumt.

Er war nach Informationen der Rieser Nachrichten im September in die städtische Wohnung in Baldingen am Memminger Weg gezogen, in der seine 35 Jahre alte Lebensgefährtin seit August wohnt. Josef S. war von auswärts nach Nördlingen gezogen.

Nach Angaben der Polizei hat die Obduktion ergeben, dass die kleine Leonie offenbar schon in der Vergangenheit misshandelt worden war; so seien Rippen gebrochen gewesen. Das Mädchen wurde im Institut für Rechtsmedizin der Universität München in der Nußbaumstraße obduziert.

Wie berichtet, war eine Mitarbeiterin des Donau-Rieser Jugendamtes noch zwei Tage vor der schrecklichen Tat bei der Mutter in der Wohnung in Baldingen; es sei ihr aber nichts aufgefallen, beteuerte sie gegenüber ihrem Chef, Landrat Stefan Rößle (CSU).

Das Jugendamt betreut die Familie schon eine ganze Weile, wusste über den Lebensgefährten aber angeblich wenig Bescheid.

Staatsanwalt Matthias Nickolai betonte gestern gegenüber den RN, man ermittle "im Umfeld aller Beteiligten in alle Richtungen". Man werde Familienangehörige, Freunde und Nachbarn befragen. Und die Ermittler werden auch dem Jugendamt Donau-Ries unangenehme Fragen stellen. "Zur Untersuchung des Umfelds gehört selbstverständlich auch die Klärung der Rolle des Jugendamts", so Nickolai.

Auch die Mutter wird sich bohrende Fragen gefallen lassen müssen. Sie soll, wie berichtet, zur Tatzeit im Haus, aber in einem anderen Zimmer gewesen sein. Doch was ist mit den älteren Verletzungen? Hat sie nichts von Misshandlungen mitbekommen?

Staatsanwalt Nickolai erklärte gestern, ihm sei von offiziellen Ermittlungen gegen die 35-Jährige nichts bekannt; anderen Medienberichten zufolge soll aber bereits gegen die Mutter ermittelt werden.

Landrat Stefan Rößle bekräftigte gestern Mittag am Rande der Donau-Ries-Ausstellung erneut auf Anfrage der RN, er sehe keine Fehler oder Versäumnisse in seinem Landratsamt in Bezug auf die Betreuung der Familie.

Die Nachricht vom Tod des einjährigen Mädchens schlug in Baldingen wie eine Bombe ein. "Wir sind geschockt." "Wie kann jemand so etwas machen?" Doch die Persönlichkeit des Mannes, der die furchtbare Tat inzwischen gestanden hat, bleibt für die Baldinger im Dunkeln. "Die sind erst hergezogen, wir haben die Leute nicht gekannt", sagen die meisten.

Bei weiteren Gesprächen am gestrigen Donnerstag stellt sich aber heraus, dass bei einigen Bürgern bereits die Alarmglocken schrillten. Vor allem bei den Familien, mit deren Söhnen der neunjährige Bruder der kleinen Leonie manchmal spielte. "Der kam meistens Sonntags, schon am Vormittag", hieß es, "ein netter Junge." Gerne sei er lange geblieben, denn, so habe er erzählt, er dürfe jetzt noch nicht heim, sonst werde er bestraft. Als der Bub wie im Sommer auch noch im Herbst oft mit einer kurzen Hose und im T-Shirt unterwegs gewesen war, wollte die Mutter eines Spielkameraden sogar das Jugendamt anrufen. "Er hat mir leid getan."

Eine Nachbarin habe ihr erzählt, dass es in der Familie oft recht laut zugegangen sei, dass der Mann seine Frau und die Kinder angebrüllt habe. "Dass die nicht verheiratet sind, wusste ich nicht." Und als am Sonntag der Leichenwagen vor dem Haus gestanden sei, da dachte sich ein Baldinger Ehepaar, dass der Mann jetzt wohl sie oder eines der Kinder totgeschlagen habe ...

Um es zu ermöglichen, dass die Hinterbliebenen in einer würdigen Form Abschied von der Toten nehmen können, wird die Beerdigung der kleinen Leonie am heutigen Freitag nach Angaben der Polizeidirektion Dillingen nur in einem kleinen Rahmen durchgeführt.

Deshalb sind Unbeteiligte sowie Medienvertreter von der Trauerfeier ausgeschlossen. Die Ausübung des Hausrechtes wurde der Polizei übertragen.

Augsburger Allgemeine, 15.11.

 

 

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