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Es ist der Blick in die Akten, der Celine Fries den Glauben verlieren lässt. Die Worte, die sie liest, sind kurz und hart. Geschlagen, missbraucht, unterernährt. Vernachlässigt, ausgerissen, sprachgestört. Hilflos, überfordert. Sie ist harte Worte gewohnt, vom Bau, als sie noch Hochbau-Ingenieurin war. Wenn sich aber die spröden Worte in ihrem Kopf zu lebendigen Fantasien zusammensetzen, wird sie stumm. Stumm angesichts der Zustände in Familien ihres Landkreises Darmstadt-Dieburg. Dann spürt sie, wie stumpf ihre Waffen gegen die stetige Erosion funktionierender Familienverhältnisse sind. Sie ist die Stellvertreterin den Landrats, zuständig für die Jugendhilfe. Innerhalb von fünf Jahren sind die Ausgaben für dieses Ressort im Landkreis um 13 auf 41 Millionen Mark im Jahr 2001 geklettert. Der Posten verschlingt ein Zehntel des Haushalts. Für Schulen sind gerade mal 21 Millionen Mark übrig.
Der hessische Landkreis Darmstadt-Dieburg ist die Mitte. Knapp 300 000 Menschen leben hinter sauberen Fassaden in geputzten Städtchen, dazwischen wachsen Wiesen saftig grün. Kein sozialer Brennpunkt, der sich mit Hinweis auf Verwahrlosung wegen sozialer Härten als Rand der Gesellschaft brandmarken ließe. Die Arbeitslosenquote liegt mit fünf Prozent unterm Bundesdurchschnitt, 10 893 Menschen beziehen Sozialhilfe. Im Kreis Darmstadt-Dieburg zeigt sich, dass der soziale und familiäre Frieden nicht gesichert ist, wenn (fast) alle in einem Arbeitsanzug stecken. Hier wird nicht nur Celine Fries offenbar, was in Großstädten in der Masse Mensch untergeht: "Wir haben ein Problem mit der breiten Mittelschicht."
Das macht den Kämmerern der Städte und Landkreise bundesweit zu schaffen. Sie kassieren immer weniger Gewerbesteuer. Und was die Kommunen dank vorübergehend guter Konjunktur an Hilfen zum Lebensunterhalt bei der Sozialhilfe einsparen konnten, frisst unter anderem die Jugendhilfe wieder auf. Mehr als 36,1 Milliarden Mark wurden im Jahr 2000 für Jugendhilfe und Kinderbetreuung ausgegeben, knapp 30 Milliarden davon mussten die Kommunen und Kreise schultern. Der Deutsche Städtetag hat anhaltende Steigerungsraten des "Kostentreibers" Jugendhilfe von jährlich vier Prozent ausgerechnet. Obwohl die Zahl der Kinder sinkt. Seit es den Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz gibt, ist ein großer Teil des Geldes schon verplant. "Wir haben keinen Spielraum mehr", klagt auch der Deutsche Landkreistag. Für freiwillige Projekte wie Jugendclubs oder Jugendaustausch sei kaum noch Geld vorhanden.
Michael John vom Basis-Institut in Bamberg berät Kommunen und kennt die Panik der Landräte. "Die fangen dann an, jeden Einzelfall in der Jugendhilfe persönlich abzuzeichnen." Oder sie setzen den Rotstift an. Und werden anschließend von neuen Problemfällen überrannt. Vor zehn Jahren nahmen 108 000 Jugendliche die Angebote der Jugendhilfe in Anspruch, 1999 waren es schon 180 000 und es werden immer mehr. Bei den Hilfen für Kinder sind ebenfalls weiterhin kräftige Steigerungsraten zu verzeichnen.
Diesem Trend müssen auch die Jugendhelfer im Landkreis Darmstadt-Dieburg Rechnung tragen. Hier wie andernorts lautet die Devise: Betreuung in den Familien so lange wie möglich. Das ist auch eine finanzielle Frage. Ein Heimplatz kostet rund 260 Mark am Tag, eine Stunde Betreuung zu Hause um die 80 Mark.
"Mobile Praxis" heißt einer der freien Träger im Kreis, dessen 24 Sozialpädagogen übers Land zu ihren Klienten fahren, von denen 64 Prozent allein erziehende Mütter und Väter sind. Sie reden mit den Eltern, den Kindern, assistieren bei Hausaufgaben, helfen, mit dem Familieneinkommen auszukommen, und machen auch mal den Abwasch, so wie bei Familie P.
Frau P. ist das, was die Leute in der heilen Welt einen Sozialfall nennen. Mitte 40, drei Kinder zwischen zwei und 22 Jahren von verschiedenen Vätern, Sozialhilfe. An der Wohnzimmerwand hängen Fotos ihrer Eltern, die Gesichter vom Alkohol gezeichnet, so wie auch das Gesicht von Frau P. Ihr ältester Sohn hat Drogenprobleme und auch schon zwei Kinder, um das jüngste kümmert sich Frau P.
Als das Jugendamt bei der Mobilen Praxis anrief und die Sozialpädagogen zu Frau P. fuhren, kannten sie das schon. Eine Frau, aufgefressen von der Sorge um andere, ohne Kraft zur Besinnung auf sich selbst. Jetzt kommen sie einmal in der Woche vorbei. Frau P. kann erzählen, ihr Zweitältester findet einen Mann als Gegenüber, an dem er sich abarbeiten kann. Frau P. schaffte es, wieder etwas zu wollen, dem Alkohol zu widerstehen. "Sie hat unglaublich harte Arbeit geleistet", sagen die Pädagogen. In zwei bis drei Jahren werde Frau P. auf eigenen Füßen stehen. Die Mitarbeiter der Mobilen Praxis wundern sich nicht über Geschichten wie die von Familie P. Bis vor sechs Jahren waren solche Fälle ihr tägliches Geschäft. Heute machen sie nur noch 60 Prozent aus. Beim großen Rest erleben die Sozialpädagogen jeden Tag, wie wenig soziale, materielle Sicherheit ein gut funktionierendes Familienleben garantiert.
Das wahre Dilemma der Jugendhilfe zeigt sich dort, wo die Fußböden geschrubbt und die Tapeten mit Schmucktellerchen verziert sind. Wo den Fernseher eine Vase mit Plastiksonnenblumen ziert. Wie zum Beispiel Familie S., der der Zusammenhalt abhanden gekommen ist, weil sie nicht gelernt hat, wie man zusammenhält, auch wenn die Kinder eigene Wege gehen. Die Tochter haute mit 16 ab, zog beim Freund ein. Als die Schule sich wegen des zwölfjährigen Sohnes täglich bei den Eltern beschwerte, begann eine Spirale aus Strafen und neuen Regelverletzungen. "Ich weiß nicht, was in seinem Kopf ist", sagt die Mutter. Die Tochter lebt jetzt im betreuten Wohnen, der Kontakt zu Vater und Mutter ist abgebrochen. Der Sohn blieb bei den Eltern, eine Jungengruppe der Mobilen Praxis gibt ihm Halt.
Die gewaltige Aufgabe, an der sich Jugendhilfe abarbeitet und die mit ihren Mitteln kaum lösbar erscheint, schnurrt zu einem kurzen Satz zusammen, den der Vater wie beiläufig ausspricht: "Ich kann nicht spüren, was ich verkehrt mache."
Es sind nicht Rabeneltern, denen es so geht. Es sind die Familien im Nachbarhaus, im Stockwerk drunter. Sie sind nicht schlechter als die Familien in der scheinbar so guten alten Zeit. Sie haben eine Aufgabe zu bewältigen, der sich Eltern früherer Generationen nicht zu stellen brauchten, weil sie sich an Regeln halten konnten. Doch diese Regeln gelten nicht mehr, an ihre Stelle ist das Aushandeln getreten, das Fühlen von dem, was richtig und falsch ist, was gut tut und was nicht. Selbst eingefangen zwischen Erziehungskorsett und freipädagogischer Grenzenlosigkeit, haben viele Eltern von heute das aber nicht gelernt. "Wegbrechen von Erziehungskompetenz", nennt das Otto Weber, der Chef des Jugendamts des Landkreises Darmstadt-Dieburg.
Aus den Telefonhörern schallen Webers Mitarbeitern Fragen entgegen, um die sich vor Jahren kein Amt hätte kümmern müssen, da sie mit Onkel, Tante, Bruder geklärt worden wären. "Mein Kind hat Idiot gesagt; mein Kind onaniert, was soll ich tun?" Zur Hilflosigkeit kommen Vergessen und Gedankenlosigkeit. Bei einer Stichprobe in einer ganz normalen Schule des Landkreises stellte sich heraus: Jeder fünfte Schüler bekommt kein Frühstück, sondern Geld, um sich etwas zu kaufen. Von den anderen isst längst nicht jeder im Sitzen. Es geht zu wie in der Mittagspause am Imbiss. Kein Ratgeberbuch hat das verhindern können, denn die Erfahrung fehlt. "Eltern wissen oft überhaupt nicht, was man mit Kindern macht", sagen die Sozialpädagogen. Da wächst eine Generation heran, die nicht in der Familie lernen konnte, wie man Familie gestaltet. Neue Klienten für die Helfer von morgen.
Die Helfer im Landkreis Darmstadt-Dieburg wissen, dass grenzenloses Verständnis für sorglose Eltern diesen Kreislauf nicht unterbrechen kann. Mit einer Mischung aus Einfühlung und Beharrlichkeit wollen sie Müttern und Vätern einen bewussten Umgang mit ihren Kindern vermitteln. Deutliche Worte sind nötig, meint Jugendamtschef Weber. "Wir brauchen robuste Leute, die klare Ziele äußern und durchsetzen." Das schone auch die Finanzen. Vor kurzem haben Unternehmensberater sein Amt auf Effizienz überprüft. Jetzt arbeiten seine Leute an einem computergestützten Kontrollsystem, damit sich ein Fall künftig nicht mehr im Empfinden eines Pädagogen verliert.
Den Helfern ist klar, wie aussichtslos ihr Kampf ist, wenn sie die Einzigen bleiben, die die Leerstellen elterlicher Erziehung ausfüllen müssen. Die werden größer, wenn Eltern keine Unterstützung im Alltag erhalten. In Hessen stehen für 183 000 Kinder im Krippenalter 2900 Plätze zur Verfügung - eine Quote von etwa 1,6 Prozent. Ganztagsschulen, alltagstaugliche Kinderbetreuung, familienfreundliche Arbeitsverhältnisse fehlen genauso. Das würde den Staat Geld kosten, doch dafür könnte er bei Sozial- und Jugendhilfe einsparen.
Die Vorstellung, dass der Staat traditionelle Aufgaben der Familien übernimmt, schreckt die Helfer angesichts der real existierenden Erziehungskrise nicht. Vize-Landrätin Celine Fries wünscht sich ein Schulfach "Kommunikation-Partnerschaft-Familie". Pflichtkurse für werdende Eltern? Jugendamtschef Weber nickt: "Darüber muss man nachdenken." Frankfurter Rundschau, 18.02.2002
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