FORUM: Internetzeitschrift des Landesverbandes für Kinder
in Adoptiv und Pflegefamilien S-H e.V. (KiAP) und der Arbeitsge-
meinschaft für Sozialberatung und Psychotherapie (AGSP)


 

Nachrichten / Jahrgang 2007

 

Jugendamt wäscht Hände in Unschuld

Behörde verteidigt sich gegen Staatsanwalt:
Drei Monate alter André starb trotz 50 Hausbesuchen 

 

Iserlohn. (dpa) Das Jugendamt der Stadt Iserlohn hat Vorwürfe zurückgewiesen, im Fall des verhungerten drei Monate alten André Fehler gemacht zu haben.

Die Familie sei intensiv betreut gewesen, es habe keine Hinweise auf körperliche Vernachlässigung gegeben, so der zuständige Ressortleiter der Stadtverwaltung, Friedhelm Kowalski, am Dienstag. Den Tod eines Kindes bezeichnete er als "dienstlichen Albtraum eines jeden Jugendamtes in Deutschland".

Der Junge war am 22. Juni gestorben. Erste Obduktionsergebnisse, nach denen das Kind ausgetrocknet und verhungert war, sollen durch weitere Untersuchungen bestätigt werden. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die 26 Jahre alte Mutter und ihren 25-jährigen Freund. Gegen Mitarbeiter des Jugendamtes wird wegen "fahrlässiger Tötung durch Unterlassen" ermittelt.

Seit der Geburt von André hatte nach Kowalskis Angaben eine Pflegerin im Auftrag des Jugendamtes rund 50 Einsätze in der Familie gehabt: "Es wären mehr gewesen, wenn sich die Familie nicht zum Teil entzogen hätte." Die Frau, die als erfahrene Honorarkraft seit 13 Jahren für das Amt als Familienpflegerin tätig ist, und André noch drei Tage vor seinem Tod gesehen hatte, äußert sich derzeit nicht zu den Vorwürfen, etwas falsch gemacht zu haben. "Ihr ist bei dem letzten Besuch aber nichts aufgefallen", zitierte Kowalski aus den Akten. Ob die Frau die gefährliche Situation für das Kind hätte erkennen können und müssen, wolle er nicht beurteilen. "Das muss die Staatsanwaltschaft klären." Zudem seien die Akten zur Überprüfung ans Landesjugendamt gegeben worden. Es spreche aber für die Frau, dass "der Arzt, in dessen Händen das Kind starb", zuerst auch einen plötzlichen Kindstod für möglich gehalten habe. "André ist nicht gestorben, weil wir faul, untätig oder desinteressiert waren", so Kowalski. Der Junge sei gestorben, obwohl das Amt umfassend für ihn und die Geschwister im Einsatz war.

Am vergangenen Freitag machte Oberstaatsanwalt Wolfgang Rahmer keinen Hehl aus seiner Betroffenheit und Verwunderung: "Ich erwarte von einer Behörde noch mehr Verantwortungsbewusstsein als von einer Familie, die offensichtlich aus desolaten Verhältnissen kommt", sagte er in Richtung Jugendamt. Denn für die Ermittler war die Wohnung "mehr eine Häufung von Sperrmüll und ungewaschener Wäsche als eine Wohnung, in der man leben kann".

Zudem hatte es weitere Hinweise gegeben: Anfang Juni war ein Polizist bei der Mutter, weil er deren per Haftbefehl gesuchten Bruder bei ihr vermutete. "Auch er hat danach das Jugendamt in einem schriftlichen Vermerk auf die völlig unhaltbaren hygienischen Zustände aufmerksam gemacht", sagte Rahmer.

Oberpfälzischer Kurier, 23.7.

 

 

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