FORUM: Internetzeitschrift des Landesverbandes für Kinder
in Adoptiv und Pflegefamilien S-H e.V. (KiAP) und der Arbeitsge-
meinschaft für Sozialberatung und Psychotherapie (AGSP)


 

Nachrichten / Jahrgang 2007

 

Hätte das Jugendamt André retten können?

 

André lebte nur drei Monate. Er starb, weil seine Eltern ihm nichts zu essen und zu trinken gaben. Das Jugendamt in Iserlohn kannte die Familie und schickte regelmäßig Mitarbeiter dort hin. Warum fiel ihnen nicht auf, wie schlecht es André ging?

Sofienstraße 20, ein unauffälliges zweistöckiges Haus in schmuddeligem Grau trägt diese Adresse. Es ist die nächste Anschrift auf einer schrecklichen Route familiärer Verwahrlosung in Deutschland: Im Brieger Weg 2, Hamburg, starb die siebenjährige Jessica, dann starb der zweijährige Kevin in der Kulmer Straße 97, Bremen, und nun ist André in der Sofienstraße 20 im nordrhein-westfälischen Iserlohn gestorben, weil sich seine Eltern nicht um ihn kümmerten. Gerade einmal drei Monate wurde er alt.

Wenn man den bestürzten Oberstaatsanwalt Wolfgang Rahmer reden hört, dann sah André aus wie ein alter Mensch, als der alarmierte Notarzt am 22. Juni in der Dachgeschosswohnung eintraf. Ein Baby mit einem "greisenhaften Gesicht". Er müsse unvorstellbare Qualen gelitten haben, sagte Rahmer. Die Augäpfel von André waren hervorgetreten, seine Fontanelle war eingedrückt, er hatte längst aufgehört zu atmen.

Der winzige, untergewichtige Andre ist verdurstet und verhungert, in Anwesenheit seiner Eltern. Die 26-jährige Tanja K. und ihr ein Jahr jüngerer Lebensgefährte, beide Sozialhilfeempfänger, sollen bei ihrer Vernehmung regungslos jede Schuld von sich gewiesen haben. Die Mutter soll obendrein noch betont haben, dass dem Jugendamt der Stadt ja auch nichts aufgefallen sei.

Drei Tage vor dem Tod sah eine Mitarbeiterin des Jugendamtes nach André
Es geht im Todesfall von André nicht allein um die fehlende Fürsorge von Eltern, sondern auch um mögliche Versäumnisse der städtischen Behörden. Deshalb ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen fahrlässiger Tötung auch gegen Mitarbeiter der Stadt. Immerhin wurde die komplett überforderte Familie in der Sofienstraße 20 seit Oktober vergangenen Jahres betreut. Ab Mitte März besuchte sie eine Familienhelferin, sechs bis acht Stunden in der Woche, um der Familie zu helfen, den Alltag zu bewältigen. Die Mutter hatte eine elfjährige Tochter aus einer vorangegangen Beziehung und einen 16 Monate alten Jungen mit ihrem derzeitigen Lebensgefährten.

"In diesem Zusammenhang wurde auch auf die Versorgung des Kindes Andre geachtet, nach dem dieser nach seiner Geburt am 18. März 2007 aus dem Krankenhaus in den Haushalt kam", heißt es in einer am vergangenen Freitag veröffentlichten Erklärung der Stadt Iserlohn. Noch drei Tage vor dem Tod von André hatte die Familienhelferin keine Anzeichen einer Unterversorgung gesehen. Die Mutter habe von einer Erkältung des Babys gesprochen, deshalb sei für den 22. Juni ein Arzttermin vereinbart worden.

Oberstaatsanwalt Rahmer fragt nun kritisch, wie so etwas bei einer "engmaschigen Betreuung" passieren könne. Auch gab es offenbar deutliche Anzeichen der Verwahrlosung. Die Wohnung der Familie bezeichnete Rahmer als "Ansammlung von Sperrmüll und Unrat". Nachbarn erzählen, dass in der Dachgeschosswohnung oft laute Musik zu hören gewesen ist, und sich das Paar immer wieder angeschrien habe. Der Stadt dämmert allmählich, dass trotz der intensiven Betreuung möglicherweise nicht genau hingeschaut wurde. Ein Sprecher soll nach Angaben der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung eingeräumt haben, "nach dem Fall in Bremen hätte man sensibler reagieren müssen."

Die zwei weiteren Kinder sind jetzt in einer Pflegefamilie
Das Vorgehen der Behörde erscheint reichlich seltsam. Dass der Tod von André öffentlich wurde, entsprang einem Zufall. Die Mutter und ihr Partner waren in der vergangenen Woche wegen mehrerer Betrugsdelikte vor dem Amtsgericht verurteilt worden. Der Richter hatte in seinem Urteilsspruch erwähnt, dass noch ein Verfahren wegen des Todes ihres Babys auf sie zukomme.

Erst als Lokalzeitungen darüber berichteten und sich weitere Medien einschalteten, wurde das gesamte Ausmaß des Familiendramas deutlich. So waren die beiden verbliebenen Kinder nach dem Tod von Andre bei der Großmutter untergebracht worden, erklärt die Stadt. Es habe dort eine "tägliche Kontrolle" gegeben. Zudem sah das zuständige Familiengericht gemäß eines Beschlusses vom 5. Juli "aufgrund der engmaschigen Betreuung und des ärztlicherseits attestierten Gesundheitszustandes der Kinder keinen Handlungsbedarf."

Am vergangenen Freitag wurden die Kinder in die Obhut einer Pflegefamilie gegeben. "Aufgrund des weiteren Verhaltens der Kindesmutter und ihrer nicht absehbaren Reaktion auf die jetzt beginnende öffentliche Diskussion", wie die Stadt erklärte.

Die Welt vom 15. Juli 2007

 

 

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