Nachrichten / Jahrgang 2007

 

Notdienst nimmt 60 Babys in Obhut

Zahl der vernachlässigten Säuglinge hat sich
in Berlin innerhalb eines Jahres verdoppelt


Von Christa Beckmann

Die Zahl der Säuglinge und Kleinkinder, die von ihren Eltern vernachlässigt werden, ist in Berlin drastisch gestiegen. Im vergangenen Jahr musste der Kindernotdienst der Hauptstadt 60 Kinder im Alter bis zu einem Jahr in Obhut nehmen - doppelt so viele wie noch ein Jahr zuvor. "In diesem Alter sind Kinder zum Tode verurteilt, wenn sich die Eltern nicht richtig um sie kümmern", sagte der Leiter des Notdienstes, Jürgen Bock. Insgesamt nahm der Berliner Kindernotdienst 869 Kinder bis zum Alter von 14 Jahren im Laufe des Jahres 2006 in Obhut. 303 davon waren jünger als sechs Jahre.

"Der Anstieg der Meldungen, bei denen ganz junge Kinder betroffen sind, ist eklatant", bestätigt auch Dagmar Klages von der im Mai neu eingerichteten Kinderschutz-Hotline. Bei der Hälfte der 219 gemeldeten Fälle, in denen die Hotline-Mitarbeiter bisher das Jugendamt einschalteten, ging es um bis zu drei Jahre alte Kinder. "Allein im Juni wurden uns zwölf Fälle mit Säuglingen und 42 mit Kindern zwischen ein und zwei Jahren gemeldet", sagt Dagmar Klages. Häufiger würden auch die Fälle von Verdacht auf körperliche, sexuelle und psychische Misshandlungen. "Es gibt Kinder, die seit einem Jahr Stubenarrest haben, stundenlang in der Ecke stehen müssen oder seit Monaten nicht mehr mit der Familie an einem Tisch essen dürfen."

Gerade junge Eltern, die in sozial und finanziell schwierigen Verhältnissen leben, seien häufig mit der Erziehung überfordert, sagt die Hotline-Mitarbeiterin. "Wir registrieren auch eine steigende Zahl von Eltern, die stundenlang im Internet surfen oder am Computer spielen. In dieser virtuellen Welt werden die Bedürfnisse der Kinder nicht mehr wahrgenommen."

Erfreulich sei, dass sich mittlerweile immer mehr Menschen namentlich bei der Kinderschutz-Hotline (Tel.: 61 00 66) melden, sagt Dagmar Klages: "Die Leute bekommen Vertrauen." Kinderschutz könne allerdings nur mit ausreichendem Personal gewährleistet werden. Daran mangele es vor allem in den Jugendämtern.

Hinsehen und nicht wegschauen, lautet auch der dringende Appell von Jürgen Bock an die Berliner. "Säuglinge und Kleinkinder sind auf die Hilfe von Erwachsenen angewiesen", sagt der Chef des Kindernotdienstes. Er plädiert deshalb nicht nur für eine engere Vernetzung von Schulen, Kitas, Krankenhäusern, Ämtern und Hilfseinrichtungen, sondern auch für mehr Elternschulen und ein verpflichtendes Kita-Jahr vor der Schule. "Vielfach dringt nur deshalb nichts von dem Leid der Kinder an die Öffentlichkeit, weil die Familien kaum Kontakt zur Außenwelt haben." Allerdings sei die Öffentlichkeit bereits sensibler geworden, nicht zuletzt durch die vermehrt bekannt gewordenen Fälle von Kindesvernachlässigung in der vergangenen Zeit.

Nach Angaben des Landeskriminalamtes stieg die Zahl der Anzeigen wegen Kindesmisshandlung und -vernachlässigung 2006 um 85 Prozent auf 563 beziehungsweise 582. Diesen Anstieg führen die Experten auch darauf zurück, dass das Thema bei mehr Menschen ins Bewusstsein gerückt ist und Fälle daher häufiger als früher gemeldet würden. dpa

Aus der Berliner Morgenpost vom 12. Juli 2007

 

 

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