FORUM: Internetzeitschrift des Landesverbandes für Kinder
in Adoptiv und Pflegefamilien S-H e.V. (KiAP) und der Arbeitsge-
meinschaft für Sozialberatung und Psychotherapie (AGSP)


 

Nachrichten / Jahrgang 2001

 

Tauziehen um einen 12-Jährigen
 
Schul-Streit in Penzing: Behörde will Sorgerecht prüfen - Mutter spricht von Mobbing

 

Vorbemerkung: Nachfolgender Artikel wirft ein sehr erhellendes Blitzlicht auf die prinzipielle Hilflosigkeit schulischer Pädagogik im Umgang mit dissozialen Persönlichkeitsentswicklungen.


Seit über einem Monat bekommt ein zwölfjähriger Schüler Einzelunterricht in der Grund- und Teilhauptschule Penzing. Seine Mutter, die Künstlerin Kim Young-Hee, sieht dies als Ausgrenzungsversuch und Mobbing gegenüber ihrem Sohn. Günter Seidel vom Schulamt Landsberg weist die Vorwürfe zurück: „Wir mussten etwas tun, mit dem Jungen in der Klasse ist kein normaler Unterricht mehr möglich.“ Nun stellte das Schulamt den Antrag, das Sorgerecht überprüfen zu lassen.

Über die Weihnachtsfeiertage erreichte eine e-mail der koreanischen Künstlerin Kim Young-Hee die LT-Redaktion. Darin erhebt sie schwere Vorwürfe gegen die Penzinger Grund- und Teilhauptschule und das Landsberger Schulamt. Die allein erziehende Mutter (sie hat nach der Scheidung das Sorgerecht), die seit Jahren in der Gemeinde Penzing lebt, wirft der Schule „fragwürdige Erziehungsmethoden“ vor. Das jüngste ihrer vier Kinder kam im September dieses Jahres in die 6. Klasse der Grund- und Teilhauptschule Penzing. „Von Anfang an kamen meinem Sohn wie auch mir Ausländerfeindlichkeit, Diskriminierung und Gewalt seitens der Schule entgegen.“ Es sei Dorfhetze betrieben worden. Der Rektor der Schule und der Klassenlehrer hätten eine Unterschriftenaktion gegen den Sohn veranlasst.

Geschlagen und bespuckt

Der Rektor habe wegen Verletzung der elterlichen Aufsicht mit der Polizei gedroht, weil sie sich vormittags nicht zu Hause aufhalte. Der Sohn sei ausgegrenzt, beschimpft, bespuckt und geschlagen worden, ohne dass die Lehrkräfte eingegriffen hätten.

Seit einem Monat bekomme der Junge Einzelunterricht. Für Young-Hee „eine altertümliche Isolationshaft“, die eine große psychische Belastung für die ganze Familie darstelle. Vom Schulamt sei beim Amtsgericht Landsberg der Antrag auf Sorgerechtsentzug gestellt worden.

Ihr Junge sei nicht ganz einfach und auch kein Engel, und wenn er massiv gereizt werde, dann wehre er sich auch. Probleme habe es schon in der ersten Klasse gegeben. Er sei damals verletzt worden. Danach sei es in Landsberg an der Schule drei Jahre lang problemlos verlaufen, erst an der Schlossbergschule habe der Ärger wieder angefangen. Unverständlich ist für die Mutter auch, dass das Kind schon nach dieser kurzen Zeit in Penzing so ver- und beurteilt werde. „Schon beim ersten Schulausflug durfte mein Kind nicht mitgehen. Die Begründung: Es könnte weglaufen.“

Young-Hee will ihren Sohn nun auf eine andere Schule gehen lassen. „Nach Penzing kann ich ihn nicht mehr schicken.“ Für sie ist der Vorfall unverständlich. „Ich habe noch drei weitere ältere Kinder, hier gab es nie Probleme.“ Zudem könne sie sich, da sie zuhause arbeite, genügend um ihren Sohn kümmern, auch wenn sie manchmal verreise.

Rektor Helmut Glatz bestätigt, dass der Junge Einzelunterricht bekomme, diese Maßnahme sei mit Schulamt, Regierung und Elternbeirat abgesprochen. Anders habe man sich nicht mehr zu helfen gewusst. Er wies die Mobbingvorwürfe zurück. Über den Schüler selbst dürfe er nichts sagen, allerdings sei er im Unterricht nicht mehr tragbar. Schulamtsdirektor Günter Seidel sagt, dass es „große Probleme“ gebe. „Die Eltern der anderen Kinder in der Klasse haben sich beschwert, dass kein normaler Unterricht mehr stattfinden kann.“

Die Vorwürfe von Frau Young-Hee seien unbegründet, so Seidel. Nicht der Schüler werde gemobbt, sondern die anderen Schüler würden sich wegen ihm nicht mehr in die Schule trauen. „Der Junge schlägt um sich und betitelt den Lehrer mit Schimpfworten. Wir haben monatelang versucht, mit der Mutter zu reden. Aber hier ist keine Zusammenarbeit möglich.“ Bei dem Schüler würden Ermahnungen nicht helfen, fährt Seidel fort. Normalerweise würde man solche Kinder nach Hause schicken, aber dort sei vormittags niemand zu erreichen. Da der Schüler sehr aggressiv sei, habe auch die Gesundheit der anderen Kinder auf dem Spiel gestanden. Deshalb habe man beschlossen, den Schüler nur noch einzeln zu unterrichten, damit er vom Stoff nichts versäumt. Das sei zwar unüblich, aber für ihn die einzige Möglichkeit gewesen, die anderen Kinder körperlich zu schützen. Auch eine Unterschriftenaktion habe es gegeben, sie sei aber von den Eltern ausgegangen, die sich um die Sicherheit ihrer Kinder ängstigen.

Bei der Landsberger Polizei gibt es keine Anzeige gegen den Jungen, so ein Sprecher. Allerdings sei er mit zwölf Jahren auch noch gar nicht strafmündig.

Massive Störung

Die Elternbeiratsvorsitzende der Penzinger Schule, Viola Griesinger-Hopf, erläutert, warum die Eltern einen Brief an Schulamt, Regierung und Jugendamt schrieben: „Es gab keine Unterschriftenaktion gegen den Jungen, wir wollten mit unserem Brief aber klar machen, dass wir als Eltern nicht mehr damit einverstanden sind, dass unsere Kinder Unterrichtsstoff verpassen.“ Der Klassenlehrer habe sich geweigert, weiter zu unterrichten, wenn der Zwölfährige Unterricht teilnahm, da dieser Unterricht massiv gestört habe. „Der Junge setzt sich über alles hinweg und seine Mutter war nicht bereit, mit uns über diese Probleme zu reden.“

Zudem sei es nicht tragbar, dass ein Schüler angesichts des Lehrermangels im Landkreis über längere Zeit Einzelunterricht bekomme. Griesinger-Hopf: „Der Junge braucht dringend Hilfe.“ Den Vorwurf der Ausländerfeindlichkeit weist sie entschieden zurück. „Der Junge ist deutscher Staatsbürger, zudem sind andere ausländische Kinder in der Klasse völlig integriert.“ Den Vorwurf des Mobbings bezeichnet Schulamtsdirektor Seidel als völlig lachhaft. „Wir mussten die Klasse vor dem Buben schützen.“ Jetzt werde gerade die rechtliche Lage abgeklärt, um zu schauen, was man weiter machen kann. „Von Ausländerfeindlichkeit kann hier keine Rede sein, wir müssen als Schulamt nur versuchen, die Sache wieder hinzukriegen.“ Ein Gespräch mit dem Jugendamt fand bereits statt. Nun muss das Amtsgericht entscheiden, wer für den Jungen die elterliche Sorge erhält.
29.12.2001 - Augsburger Allgemeine

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