|
Homburg/Bexbach/Kirkel (SZ). Weit mehr als 100 Kinder und Jugendliche im gesamten Saarpfalz-Kreis leben derzeit in Pflegefamilien. Aus den unterschiedlichsten Gründen sind die Mädchen und Jungen nicht mehr bei ihren leiblichen Eltern. Und die Zahl der Fälle, in denen die Kinder zu ihrem Wohl aus dem Elternhaus raus müssen, wächst. Deshalb ist das Jugendamt des Saarpfalz-Kreises auf der Suche nach Pflegefamilien, die diesen Kindern eine Chance geben.
Karl-Heinz Becker vom Kreisjugendamt weiß, dass die Suche nach Pflegefamilien alles andere als leicht ist. "Hier geht es nicht darum, dass Eltern, denen bislang der Kinderwunsch versagt blieb, ein Ersatzkind ins Haus bekommen. Vielmehr gilt es, den Kindern oder Jugendlichen zwar Geborgenheit zu geben, aber gleichzeitig den Kontakt zu den leiblichen Eltern, der Familie, aufrecht zu erhalten. Diese Kinder sind nicht zur Adoption freigegeben, sondern brauchen zuerst einmal Eltern auf Zeit", sagt er.
Ein Beispiel aus der Reihe der Pflegefamilien ist das Ehepaar Manuela und Alfons Müller. Nachdem ihnen der Kinderwunsch versagt geblieben ist, hatten sich beide letztlich für eine Adoption entschieden. Aber durch den engen Kontakt mit dem Jugendamt sahen sie auch bald die Chance, als Pflegeeltern aktiv zu werden. Das "Risiko" war ihnen stets bewusst, nämlich ein Kind aufzunehmen, das einem dann ans Herz wächst und nach einiger Zeit wieder gehen muss. Andererseits war da jedoch die Chance, einem Kind zu helfen, elterliche Pflichten - möglicherweise nur vorübergehend - zu übernehmen. Im Mai 1995 war es dann so weit: Ein kleiner Junge kam zu den Müllers in Pflege. Manuela Müller: "Uns war klar, dass die leibliche Mutter des Kindes von Anfang an in unser Leben miteinbezogen werden muss. So entwickelten auch mein Mann und ich schnell ein Verhältnis zu der Mutter, erkannten ihre Situation, entwickelten Verständnis und auch Vertrauen."
Für den kleinen Jungen wurde es schnell zur Selbstverständlichkeit, eine leibliche Mutter und darüber hinaus eine Pflegefamilie zu haben. Aus dieser vorbildlichen und nicht immer selbstverständlichen Ausgangssituation ging dann auch ein Wunsch der Familie Müller unerwartet in Erfüllung: Die leibliche Mutter sah die gute Entwicklung ihres Kindes bei seinen Pflegeeltern und gab den Jungen Müllers zur Adoption frei. "Heute ist er unser Adoptivsohn, aber das gute Verhältnis zu seiner leiblichen Mutter bleibt erhalten. Das ist uns sehr wichtig", so Manuela und Alfons Müller.
Dieser Fall lief für alle Beteiligte optimal ab. Aber sicherlich ist die Entscheidung, als Pflegeeltern tätig zu werden, nicht leicht. Das sind in erster Linie die Verlust-Ängste der Eltern, die ein Kind aufnehmen in der Gewissheit, das Mädchen oder den Jungen zum geeigneten Zeitpunkt wieder den leiblichen Eltern geben zu müssen. Zudem sind die Kinder oftmals mit Problemen behaftet, die sie aus der Krisensituation in ihrer Ursprungsfamilie "mitbringen".
Beim Umgang mit diesen Problemen sind die Pflegeeltern aber nicht allein auf sich gestellt. Zum einen ist das zuständige Jugendamt mit seinen Experten stets ein Ansprechpartner, zum zweiten existiert im Kreis ein Pflegeelternverein, der aus der Sicht Betroffener Tipps und Hilfen sowie gemeinsame Aktivitäten anbietet, um den Austausch zwischen Pflegeeltern und auch dem Jugendamt zu optimieren. Die Übernahme einer Pflege ist eine große Aufgabe, die aber auch viel Freude und Erfüllung bringen kann. Manuela und Alfons Müller können hier ein positives Beispiel sein, denn für sie gilt: "Wir würden es auf jeden Fall noch einmal machen."
Nähere Informationen zum Thema "Pflegekind und Pflegeeltern" erteilt das Jugendamt des Saarpfalz-Kreises im Landratsamt unter (0 68 41) 1 04-1 06 (Karl-Heinz Becker) und 1 04-1 54 (Ursula Mathieu und Ursula Kruchten). Saarbrücker Zeitung - Lokales - vom 09.01.01.
|
|
Kommentar: "In der Klientel deutscher Jugendämter machen Vernachlässigungen ca. drei Viertel aller betreuten Mißhandlungsfälle aus." "Es gibt Untersuchungen, die feststellen, daß Eltern trotz psychotherapeutischer Behandlung die Mißhandlung fortsetzten. In der psychodynamisch orientierten Studie von Martin und Beezley (1976), die einen Zeitraum von viereinhalb Jahren nach dem ersten Auftreten der Mißhandlung umfaßte, mißhandelten immerhin noch 68 % der in Psychotherapie Befindlichen ihr Kind weiter." (s. Das Kindeswohl...) Der obenstehende Bericht zeigt: es gibt positive Beispiele von Vermittlungen zu Adoptiv- oder Pflegeeltern, ohne dass die verständlichen Kontaktbedürfnisse der leiblichen Eltern unnötig eingeschränkt werden mußten. Leider erleben wir aber den zunehmenden Trend, dass Kontaktwünschen von misshandelnden Eltern selbst dann nachgegeben wird, wenn längst erkennbar ist, dass diese für das Kind schädlich sind. Christoph Malter (Jan. 01)
|