FORUM: Internetzeitschrift des Landesverbandes für Kinder
in Adoptiv und Pflegefamilien S-H e.V. (KiAP) und der Arbeitsge-
meinschaft für Sozialberatung und Psychotherapie (AGSP)


 

Nachrichten / Jahrgang 2001

 

 Von der eigenen Mutter nicht geliebt

 

Erfurt. (dpa/tlz) Es war das Jahr der toten Kinder. Das Schicksal von sieben Neugeborenen bewegte 2001 den Freistaat. Sie wurden von ihren eigenen Müttern erschlagen und erstickt oder sie verhungerten und verdursteten qualvoll.

Weil sie zwei kleine Jungen und ein Mädchen tötete, wurde eine 26 Jahre alte Verkäuferin im September zu elfeinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Die junge Frau aus einem kleinen Ort bei Erfurt hatte im Prozess vor dem Erfurter Landgericht gestanden, die Babys 1994, 1998 und 1999 direkt nach der Geburt umgebracht zu haben. "Auch wir haben nicht herausfinden können, warum die Kinder sterben mussten", sagte der Richter. Die Frage nach den Motiven hatte die Angeklagte in der auch für Prozessbeobachter zermürbenden Verhandlung nicht beantwortet. Sie hatte die Leichen teils monatelang in Keller oder Garage versteckt, bevor sie die toten Kinder an Landstraßen ablud.

Nach dem qualvollen Tod eines Babys aus Arnstadt wurde Anfang Dezember die 27-jährige Mutter ebenfalls vor dem Erfurter Landgericht zu vier Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Die kleine Sophie war Ende April in einer verwahrlosten Wohnung verhungert und verdurstet. Nach Ansicht des Gerichts war die Mutter überfordert. Sie habe keine Hilfsangebote von Jugendamt und Freunden mehr angenommen - aus Angst, die Kinder würden ihr weggenommen.

Angst hatte auch ein erst 15-jähriges Mädchen, das im August in Behringen (Wartburgkreis) nach einer verheimlichten Schwangerschaft ein kleines Mädchen zur Welt brachte. Als das Baby zu schreien begann, schlug sie seinen Kopf mehrmals auf den Boden und schnitt ihm mit einer Schere die Kehle durch. Der Prozess steht noch bevor, das junge Mädchen ist Gutachtern zu Folge schuldfähig.

Lia sah wie Greis aus

Ebenfalls im August tötete eine 18-jährige Berlinerin ihr Baby bei einem Verwandtenbesuch im Raum Sondershausen. Die Großeltern der jungen Frau fanden blutverschmierte Kleidungsstücke und einen Sack mit der Leiche des Kindes. Die 18-Jährige hatte den Jungen zwei Tage vorher heimlich entbunden und dann wahrscheinlich sofort getötet. Ihr Fall wurde der Staatsanwaltschaft Berlin übergeben.

Eine 24-jährige Mutter aus Weimar musste im Juni für drei Jahre ins Gefängnis, weil sie ihr schwer behindertes Kind verdursten und verhungern ließ. Lia starb 1998 und wurde knapp zwei Jahre alt. Die Mutter hatte drei Kinder und war kurz vor Lias Tod erneut schwanger. Die Wohnung verwahrloste, Hilfe von außen kam immer weniger. Lia war so abgemagert, dass sie ein Greisengesicht hatte.

Um schwangeren Frauen von Verzweiflungstaten abzuhalten, gibt es in Thüringen seit Anfang des Jahres in allen 51 Krankenhäusern die Möglichkeit der anonymen Geburt. Nach Auskunft des Sozialministeriums haben bislang zwei oder drei Mütter ihre Neugeborenen im Krankenhaus zurück gelassen. Außerdem können Frauen ihre ungewollten Kinder in einer so genannten Babyklappe in der Erfurter Uniklinik ablegen. Wie viele Frauen das bislang getan und so ihren Babys das Leben ermöglicht haben, will die Klinikleitung nicht sagen. Es soll keine Werbung für die "Babyklappe" gemacht werden.

Die Tötung von Neugeborenen gehört zu den seltensten Verbrechen. In Thüringen werden nach Angaben des Landeskriminalamtes zwischen einem und vier Fälle pro Jahr bekannt. In ganz Deutschland registriert das Bundeskriminalamt jährlich zwischen 20 und 32 Fälle.
28.12.2001 - Thüringische Landeszeitung


 


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