FORUM: Internetzeitschrift des Landesverbandes für Kinder
in Adoptiv und Pflegefamilien S-H e.V. (KiAP) und der Arbeitsge-
meinschaft für Sozialberatung und Psychotherapie (AGSP)


 

Nachrichten / Jahrgang 2001

 

Adoption heute: Offensiver
Umgang mit dem Thema

 

Wenn Kinder zweimal Eltern haben – Lange Warteliste

Main-Kinzig-Kreis. Die Zeiten, als um Adoptionen noch ein großes Geheimnis gemacht wurde, sind längst vorbei. Mehr als 90 Prozent der neuen Eltern gehen mit dem Thema sehr offensiv um. »Zum Vorteil der Kinder und der Familie«, betont Walter Schröder, der seit rund fünf Jahren Adoptiveltern im Main-Kinzig-Kreis betreut.

Die Arbeit des Kreisjugendamtes hat sich in diesem Bereich in den vergangenen Jahren stark gewandelt. Vermittlungen von Adoptionen sind selten geworden. Dafür wurde die intensive Arbeit mit den Familien immer wichtiger.

»Nur sehr vereinzelt werden Kinder zur Adoption freigegeben. Bei Problemen kann das Jugendamt heute besser reagieren und hilft mit vorübergehender Betreuung«, sagt Schröder. In diesem Jahr gab es nur in drei Fällen keine andere Lösung.

So wie die Zahl der Adoptivkinder abnimmt, so steigt die Zahl von Paaren, die ungewollt kinderlos bleiben. Daher sucht das Jugendamt derzeit keine weiteren Bewerber. Die Warteliste ist lang. Doch das Jugendamt versteht seine Aufgabe auch weniger in der Vermittlung, sondern vielmehr in der Betreuung der Familien.

Die Vergangenheit hat gezeigt, dass hier seitens der Adoptiveltern ein großer Bedarf besteht. Neben Gesprächskreisen – einmal im Monat in Schlüchtern, Gelnhausen und Maintal –, organisiert das Jugendamt regelmäßig Seminare, die immer ausgebucht sind. Annähernd 100 Kinder und Jugendliche leben im Main-Kinzig-Kreis bei Adoptiveltern. Etwa die Hälfte weiß, dass es nicht die leiblichen Eltern sind.

»Seit ein paar Jahren setzt sich immer mehr der offensive Umgang mit der Adoption durch«, sagt Schröder. Mehr als 90 Prozent der neuen Eltern informieren die Kinder so früh und so weit es geht über ihre Herkunft. »Der ehrliche Umgang hilft allen Beteiligten«, so der Sozialpädagoge. Es sei höchste Zeit gewesen, dass die Adoption aus der Anonymität heraus kam.

Problem entstünden in der Regel nur dann, wenn die adoptierten Kinder von Dritten oder auch zufällig von ihrer Herkunft erfahren. »Für die Beziehung zu den Adoptiveltern ist die Ehrlichkeit immer ein Gewinn«, berichtet Schröder. Ihm sei kein Fall bekannt, wo Kinder ihre neuen Eltern deswegen als zweite Wahl angesehen hätten. Für ein gut funktionierendes Zusammenleben gelten hier die gleichen Kriterien, wie in anderen Familien auch.
Main-Echo - 19.12.2001
 

Kommentar: Die Entwicklung zum offenen Umgang mit der Adoption ist eine erfreuliche Entwicklung. Aber die Dogmatisierung, die Ehrlichkeit sei IMMER ein Gewinn, ist wie IMMER in der sozialen Praxis verfehlt. Ebenso die dogmatische Favorisierung der ambulanten Familienbetreuung auf Kosten der Vermittlung in Adoptions- und Pflegefamilien. Unsere Erfahrungen weisen in die entgegengesetzte Richtung: die meisten der von uns betreuten traumatisierten Kinder hätten viel früher in Adoptions- oder Pflegefamilien vermittelt werden müssen. Es ist eben sehr schwierig und oft unmöglich, ihrerseits traumatisierte Eltern von vernachlässigenden, mißhandelnden, mißbrauchenden in verläßlich liebevolle umzuwandeln. Im Main-Kinzig-Kreis gibt es einerseits Kinder in traumatisierenden Familien und andererseits hilfsbereite Adoptions- und Pflegestellenbewerber. Dazwischen stehen die Dogmen des Jugendamts.
Christoph Malter (Dez. 2001)

 

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