FORUM: Internetzeitschrift des Landesverbandes für Kinder
in Adoptiv und Pflegefamilien S-H e.V. (KiAP) und der Arbeitsge-
meinschaft für Sozialberatung und Psychotherapie (AGSP)


 

Nachrichten / Jahrgang 2001

 

Freund war ihr wichtiger als die eigenen Kinder

 

Erfurt. (dpa/tlz) Nach dem qualvollen Tod eines Babys aus Arnstadt ist die 27-jährige Mutter am Freitag vom Erfurter Landgericht zu vier Jahren und drei Monaten Haft verurteilt worden. "Die Angeklagte hat den Tod des Kindes fahrlässig in Kauf genommen", sagte Richter Frieder Liebhart bei der Urteilsverkündung. Dabei hätten egoistische Motive eine Rolle gespielt.

Die kleine Sophie war Ende April in einer verwahrlosten Wohnung verhungert und verdurstet. Ihr Bruder Florian war stark unterernährt. Während des Urteils zitterte die Mutter häufig und weinte. Sie muss wegen Körperverletzung mit Todesfolge sowie Misshandlung von Schutzbefohlenen ins Gefängnis.

Die Angeklagte habe sich immer weniger um das Schicksal der Kleinkinder gekümmert, sagte der Richter. Stattdessen verbrachte sie die Zeit mit einem Freund. Wenige Tage vor dem Tod von Sophie ging sie zu ihm und kam nur kurz in ihre Wohnung, um nach den beiden Kleinkindern und zwei älteren Töchtern zu sehen. Die Älteste sollte sich um das Baby kümmern. Die Mutter hätte wissen müssen, dass ihre Tochter damit überfordert gewesen sei, meinte der Richter. Als die Mutter später in die völlig verwahrloste Wohnung kam, war Sophie verhungert und verdurstet. Der Bruder lag in einem dunklen Zimmer und war stark unterernährt. Er hatte das Bett tagelang nicht verlassen. Die Mutter wollte sich umbringen, als sie vom Tod Sophies erfuhr.

Nach Ansicht des Gerichts war die Mutter auch überfordert. Sie habe keine Hilfsangebote von Jugendamt und Freunden mehr angenommen - aus Angst, die Kinder würden ihr weggenommen. Die Staatsanwaltschaft solle strafrechtlich prüfen, ob der Freund und ein Ex-Mann der Mutter die Situation der Kinder nicht gesehen hätten, meinte der Richter.

Die Tat liege auch in der Lebensgeschichte der Mutter begründet. Sie wuchs bei ihrer Großmutter auf. Als die Angeklagte elf Jahre alt war, erhängte sich ihre alkoholkranke Mutter. Die Angeklagte hatte mehrere gescheiterte Beziehungen hinter sich und wurde auch geschlagen. Die Kinder stammten von verschiedenen Männern. "Wenn sie die Zeit zurückdrehen könnte, würde sie es gerne machen", sagte Anwalt Andreas Wiese. Die 27-Jährige bat um eine zweite Chance. Das Gericht hielt ihr zu Gute, dass sie die Tat weitgehend gestand und darunter leide. Ein Tötungsvorsatz konnte ihr nicht nachgewiesen werden. "Wir überlegen, ob wir das Urteil annehmen. Die Tendenz ist, dass wir Ja sagen", meinte Wiese.
Thüringische Landeszeitung -7.12.2001

s.a. Jugendamt bot mehrfach Hilfe an
 


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