FORUM: Internetzeitschrift des Landesverbandes für Kinder
in Adoptiv und Pflegefamilien S-H e.V. (KiAP) und der Arbeitsge-
meinschaft für Sozialberatung und Psychotherapie (AGSP)


 

Nachrichten / Jahrgang 2007

 

Kinder im Elternhaus in Gefahr: 
Jugendamt betreut 51 Familien

Kreis will zwei neue Stellen schaffen – Schwerpunkt in der Südstadt – Betreuung kostet 123 000 Euro im Monat

Von Jörg Fiene

 

KREIS PEINE. Prostitution, Sucht, Überforderung, Verschuldung, Vermüllung – wenn das Gefüge im Elternhaus aus dem Gleichgewicht gerät, sind die Kinder oft die Leidtragenden. Im Amtsdeutsch heißt das Kindeswohlgefährdung. 51 betroffene Familien mit 128 Kindern im Alter von 3 Monaten bis 16 Jahren führt der Landkreis gegenwärtig in seinen Akten. Tendenz steigend.

Hinter den nüchternen Zahlen der Statistik stecken erschütternde Einzelschicksale. "Im Regelfall sind die Kinder mit einer ganzen Reihe von Problemlagen konfrontiert, wenn wir eingreifen müssen. Selten ist es nur ein einzelner kritischer Punkt, den wir vorfinden", sagt Friehe.

Die Betreuung der 51 Familien fordert die Mitarbeiter des Ambulanten Sozialen Dienstes in jeder Woche fast 85 Stunden. Zwei neue Stellen sollen nun im Jugendamt geschaffen werden, um den wachsenden Anforderungen im Wächteramt gerecht zu werden. Der Jugendhilfeausschuss des Kreistages wird am Montag, 15. Januar, darüber beraten.

Ein Viertel der hinzugewonnen Personalstärke will Amtsleiter Harald Friehe allein der Bearbeitung von Amtsvormundschaften widmen. Diese werden nötig, wenn die Eltern der gefährdeten Kinder selbst noch nicht volljährig sind.

Allein die Hälfte aller Fälle ist in der Stadt Peine aktenkundig geworden, zum Großteil in der Südstadt. Über 50 Stunden Betreuungsarbeit investieren die Amtsmitarbeiter in Peine.

Wie hoch die Dunkelziffer bei den Fallzahlen ist, vermag Friehe nicht abzuschätzen. "Hundertprozentige Sicherheit können wir gar nicht garantieren, wahrscheinlich nicht einmal wenn wir 50 Mitarbeiter mehr hätten. Weil wir nicht überall sein können", sagt Friehe. Deshalb stricke das Jugendamt derzeit an einem großformatigen, aber engmaschigen Netz von Informationsquellen. Gesprächspartner im ständigen Austausch sind Polizei, Ärzte, Schulen, Kindergärten.

"Wir wünschen uns ein System der höchstmöglichen Sensibilität. Wir wollen, dass Menschen uns auf Auffälligkeiten aufmerksam machen, auch wenn sich selbst womöglich dabei als Denunzianten empfinden", so der Amtsleiter.

Die Zahl der Hinweise aus der Nachbarschaft oder vom Kaufmann um die Ecke, den der erhebliche Alkoholkonsum einer jungen Mutter verdutzt, habe bereits merklich zugenommen. "Man merkt, dass das Thema öffentlich diskutiert wird. Das schafft des Bewusstsein. Je mehr darüber gesprochen wird, desto besser", propagiert Friehe einen offensiven Umgang seiner Abteilung mit dem Thema.

Braunschweiger Zeitung, 06.01.2007

 

 

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