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In der Wohnung häuften sich verschimmelte Lebensmittel und nicht entsorgte Babywindeln. Nachbarn hatten die Polizei gerufen, als penetranter Fäulnisgeruch in den Hausflur drang. Die Ermittler kamen gerade noch rechtzeitig.
Von Peter Oldenburger und Torben Waleczek
Berlin - Das Zusammenspiel der zuständigen Behörden war dieses Mal vorbildlich. „Die Jugendamtsmitarbeiterin hat im entscheidenden Moment genau richtig reagiert“, sagte ein Polizeisprecher. Erst vorige Woche war ein neunjähriger Junge in Lichtenberg von Polizeibeamten in einer extrem verschmutzten Wohnung entdeckt worden.
Schimmel und Obstfliegen in der Küche Geradezu schockiert waren die Beamten am Mittwochmorgen über den Zustand der Wohnung am Herthaplatz in Niederschönhausen. Die 22 Jahre alte Mutter Jessica V. und ihr 44 Jahre alter Lebensgefährte hatten offenbar seit Wochen keinerlei Anstrengungen zur Säuberung der Parterrewohnung unternommen. In der Küche fanden die Ermittler verschimmelte Lebensmittel und Unmengen von Obstfliegen vor. Im Raum herrschte starker Fäulnisgeruch. Außerdem lagen überall nicht entsorgte Babywindeln herum, standen überquellende Aschenbecher in den Zimmern.
Einer Nachbarin aus dem Neubau-Haus mit 18 Mietparteien sei schon früher bei offen stehender Tür der Gestank aus der spärlich möblierten Wohnung aufgefallen. Auch seien die Jalousien meist heruntergelassen, die Zwillinge Jennifer Scarlett und Gracia Michaela kaum zu sehen gewesen.
„Das Jugendamt hat die Zwillingsmädchen umgehend in ein Kinderheim untergebracht“, sagte Pankower Jugendstadträtin Christine Keil (Linkspartei.PDS). Der 22 Jahre alten Kindesmutter werde aber der Kontakt zu ihren Kindern weiterhin gewährt, so die Dezernentin. Für die kommende Woche sei sie zu einem Beratungsgespräch eingeladen worden. „Dabei geht es um die Perspektive der Familie. Geplant ist die Aufstellung eines Hilfeplans.“ So könne der Mutter eine Helferin angeboten werden, die täglich Besuche vornimmt. Auch eine ambulante Familienbetreuung sei denkbar. Ausschlaggebend sei, dass sich die 22-Jährige auf feste Vereinbarungen mit dem Jugend- und Gesundheitsamt einlässt und befolgt.
Jugendstadträtin Keil berichtete, dass nach der Geburt der Zwillinge im August in der Behörde zunehmend Zweifel am Kooperationswillen der Mutter aufkamen. „Die Frau hat Vorgaben der Familienpfleger nicht oder unzureichend Folge geleistet“, so Frau Keil. Nach einem ersten Besuch bei einem Amtsarzt folgten Absagen und Ausflüchte. Der letzte Hausbesuch erfolgte im Oktober. Damals sei die Wohnung unordentlich und unsauber gewesen. Vor einem Besuchstermin beim Jugendamt im November ging eine telefonische Absage ein.
Mutter bricht Kontakt zum Jugendamt ab Am 7. Dezember hatte die Mutter letztmalig Kontakt zum Jugendamt. „Als eine erneute Absage für einen Hausbesuch erfolgte und am gleichen Tag ein anonymer Hinweis auf unhygienische Zustände einging, wurde das Landeskriminalamt eingeschaltet.“, so Keil. Die Stadträtin konstatiert für den Bezirk keine Zunahme von Inobhutnamen vernachlässigter Kinder. „Im Durchschnitt geht es um acht Fälle im Monat“, sagt die Jugenddezernentin. Die Bürger würden jedoch zunehmend sensibler auf Kinder-Vernachlässigung reagieren. Nachbarn schauen häufiger und genauer hin, sie scheuten sich auch nicht, die Behörden zu informieren.
Polizei ermittelt auch gegen den Partner Die Mutter der kleinen Mädchen wurde wegen des Verdachts der Vernachlässigung der Fürsorge- und Aufsichtspflicht angezeigt. Wie die Polizei mitteilte, werde auch gegen den 44-jährigen Partner ermittelt. „Zwar ist er nicht der leibliche Vater, doch gegenüber den Kindern hat auch er ein Schutzbefohlenenverhältnis“, betonte ein Polizeisprecher.
Eine Freundin von Jessica V. erzählte gestern dieser Zeitung, dass Jessica V. bereits früher ein jetzt einhalbjähriges Kind entzogen worden sei. Das Kind soll heute beim leiblichen Vater leben. Der Lebensgefährte habe seine „Vaterpflichten“ durchaus erfüllt. Sie sei sich sicher, dass die Zwillinge nicht misshandelt wurden.
WELT, 21.12.2006
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