FORUM: Internetzeitschrift des Landesverbandes für Kinder
in Adoptiv und Pflegefamilien S-H e.V. (KiAP) und der Arbeitsge-
meinschaft für Sozialberatung und Psychotherapie (AGSP)


 

Nachrichten / Jahrgang 2001

 

Wo Katastrophen abgeladen werden
Jugendhilfe erläutert Notwendigkeit einer Etaterhöhung / Eltern erzieherisch oft überfordert

 

la. – Das Jugendamt hat sich im September auf dem Gebiete der erzieherischen Hilfe um eine Aufstockung des Etats von 9,7 um 2,7 Millionen Mark bemühen müssen. Das ist vielerorts auf Unverständnis und Vorurteile gestoßen. Deshalb hat Stadtrat Jo Dreiseitel jetzt um Verständnis dafür geworben.

Die „Opfer“ einer mehr und mehr aus den Fugen geratende Gesellschaft kämen in vielfältigster Form beim Jugendamt an und erforderten eine ebenso vielfältige Hilfe. Rüsselsheim sei hier keine Ausnahme, sondern bestätige einen hessenweiten Trend.

Eine um 33 Prozent in die Höhe geschnellte Scheidungsrate, zunehmende Aggressivität unter Jugendlichen, eine generelle Vereinzelung der Menschen, das Wegfallen alter Hilfsmuster aus dem Kreise intakter Familien, verhaltensauffällige Schüler, bei denen sich manchmal auch die Schule ans Jugendamt wendet, ein häufig kaum noch sortierbares und zu begreifendes Anwachsen von Anforderungen überforderten Eltern und Kinder. Sehr viele Eltern fänden nicht mehr von selbst den Weg zur richtigen Hilfe, berichtete der Chef des Jugendamtes, Michael Schink.

In fast allen Fällen, so sagte Dezernent Dreiseitel, sei das Jugendamt mit „menschlichen Katastrophen und schweren Familiensituationen“ konfrontiert. Es greife aber so gut wie nie, wie es in früheren Jahren Selbstverständnis der Jugendbehörden gewesen sei, von sich aus ein, verstehe sich schon gar nicht als erzieherische Kontrollinstanz oder sei gar auf Wegschließen problematischer Kinder aus. Fast immer wendeten sich Not leidende und überforderte Menschen von selbst ans Amt.

Dort, so ergänzten Marion Loose, Abteilungsleiterin der allgemeinen Jugendhilfe, und Rainer Fränkle von der Qualitätsentwicklung, sei jeder einzelne Fall Gegenstand genauester und umfassendster Erörterungen und Untersuchungen. Immer mehr Schwierigkeiten, die früher von der Familie aufgefangen worden seien, würden heutzutage bei gesellschaftlichen Einrichtungen „abgeladen“.

Rüsselsheim nun verfüge über ein „sehr kompliziertes Geflecht an Zuwendungen“ und sei deshalb in der glücklichen Lage, außerordentlich fein abgestimmt helfen zu können. Das allerdings koste auch Geld, sei aber dem Ziele gewidmet, „zu stärken, zu beraten und zu unterstützen“ (Dreiseitel). Im Juni nächsten Jahres übrigens, kündigte der Dezernent an, soll Rüsselsheim Ort eines städtischen Symposiums zu solchen Fragen sein. Prominenter Gast: Bundesjugendministerin Dr. Christine Bergmann.
Main-Rheiner-Zeitung - 23.11.2001

 

Kommentar: Ein Jugendamt, das auf menschliche Katastrophen und schwere Familiensituationen von sich aus so gut wie nie reagiert, darf sich nicht wundern, wenn es die Kosten dafür später tragen muß. Vernachlässigte und misshandelte Kleinkinder benötigen aufsuchende Fürsorge und zielgerichtete Hilfen, damit sie seelisch gesunde Erwachsene werden können. Bleiben die frühzeitigen Hilfen aus, werden aus unsozialisierten Kindern unverschuldet störende Erwachsene, die die Gesellschaft teuer zu stehen kommen!
Christoph Malter (Dez. 01)


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