Nachrichten / Jahrgang 2006

 

Ein Baby ist verdurstet - und wieder versagen
die Behörden

 

Im Auftrag des Jugendamtes brachen Beamte eine Wohnung in Sömmerda auf und fanden dort den verdursteten Leon Sebastian. Schon seit Monaten war bekannt, dass es in der Familie Probleme gibt. Der Strom war bereits seit 38 Tagen abgestellt, die Mutter ständig auf Partys. Die Parallelen zum Fall Kevin sind offensichtlich.

Erfurt - Ein zehn Monate alter Junge ist im thüringischen Sömmerda verdurstet, weil ihn seine Mutter vier Tage lang in der Wohnung zurückgelassen hatte. Seine zwei Jahre alte Schwester überstand das Martyrium nach Polizeiangaben vom Freitag in einem Laufgitter trotz akutem Flüssigkeitsmangel in verhältnismäßig gutem Zustand. Zwei Polizistinnen hatten die Wohnung am Donnerstagnachmittag öffnen lassen, weil das Jugendamt die Kinder in seine Obhut nehmen wollte. Wenige Stunden nach Entdeckung der Babyleiche sei die 20 Jahre alte Mutter bei einer Bekannten in der Nähe festgenommen worden. Sie habe sich überfordert gefühlt und die Kinder seit vergangenem Sonntag in der Wohnung zurückgelassen, sagte sie nach Angaben von Erfurts Kriminalpolizeichef Herbert Bauer.

Anders als bei vielen Fällen vernachlässigter Kinder in jüngster Zeit fanden die Ermittler keine Hinweise auf monatelange Unterernährung oder Misshandlung. Der Junge starb laut Obduktionsergebnis wahrscheinlich am Sonntag oder Montag an Flüssigkeitsmangel, sagte Oberstaatsanwältin Anette Schmitt. In seinem Gitterbett fanden die Ermittler zwei leere Babyfläschchen.

Die Mutter habe nach ihrer Festnahme zwar einen verstörten Eindruck gemacht, sei aber in der Lage, die Situation zu verstehen, sagte Bauer. „Ihr ist bewusst, dass ihre lange Abwesenheit für die Kinder ernste Konsequenzen haben konnte.“ Die Ermittler gingen aber nicht von Vorsatz aus. Die Staatsanwaltschaft kündigte Haftantrag unter anderem wegen Totschlags an.

Eine Nachbarin schlug Alarm

Das Jugendamt war nach Angaben von Schmitt von einer Nachbarin darauf aufmerksam gemacht worden, dass sich die Mutter wahrscheinlich zu wenig um ihre Kinder kümmere. Bei einem Termin Mitte November hätte das Jugendamt nicht Auffälliges bei den Kindern feststellen können. Schmitt konnte zunächst nicht sagen, ob das Treffen am 15. November in der Wohnung stattfand, in der nach Angaben des Energieunternehmens mehr als eine Woche zuvor der Strom wegen unbezahlter Rechnungen abgestellt worden war. Das Unternehmen wusste nach Angaben eines Sprechers nicht, dass Kinder in der Wohnung waren.

Anders als vom Jugendamt angeordnet, ließ die junge Frau die Kinder nicht ärztlich untersuchen. Daraufhin plante das Amt, den Jungen und das Mädchen per Gerichtsbeschluss in die Obhut des Vaters zu geben, den die Frau ein Vierteljahr zuvor aus der Wohnung geworfen habe. Als beide Eltern zu dem Termin am vergangenen Montag nicht erschienen, beantragte das Jugendamt, sie selbst in Obhut zu nehmen. Mit dem entsprechenden Gerichtsbeschluss vom Donnerstagmittag fuhren Polizei und Jugendamt zur Wohnung. „Es gibt derzeit keine Anhaltspunkte für strafrechtliche Versäumnisse des Jugendamtes“, sagte Schmitt.

Linkspartei fordert Notfallplan

Die Linkspartei im Thüringer Landtag forderte nach der Tragödie einen Notfallplan bei Anzeichen von Vernachlässig und Misshandlung von Kindern. Der Fall offenbare Lücken im Informationssystem. Die Fraktion beantragte eine Sondersitzung des zuständigen Landtagsausschusses. Die SPD-Fraktion sprach sich unter anderem für verbindliche Vorsorgeuntersuchungen aus.

Der Jenaer Sozialwissenschaftler Roland Merten verlangte eine Änderung des Kinder- und Jugendhilfegesetzes. Die Ämter müssten die Möglichkeit bekommen, so genannte „Verfahrenspfleger“ einzusetzen, die sich dann unmittelbar um die Kind kümmern könnten. Nach Angaben des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK) sterben in Deutschland statistisch gesehen mindestens drei Kinder pro Woche an den Folgen von Gewalt oder Vernachlässigung.

WELT, 16-12-06

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Baby verdurstet - Der Tod in der "Neuen Zeit"

VON ANTJE HILDEBRANDT

 

Sömmerda. Irgendwann hat das Weinen aufgehört. Die Nachbarn haben sich nichts dabei gedacht. Kaum einer will sie gekannt haben, die 20-jährige Mutter, die erst vor einigen Monaten mit ihrem neun Monate alten Baby und der zwei Jahre alten Tochter in die Plattenbausiedlung "Neue Zeit" im thüringischen Sömmerda eingezogen war. Nur einer Nachbarin war aufgefallen, dass es in der Wohnung seit dem 6. November immer dunkel war. Dass man mitunter tagelang nichts hörte, nur das Weinen des Säuglings. Leon Sebastian.

Jetzt ist er tot. Als die Polizei am Donnerstag die Tür zu der Wohnung der alleinerziehenden Mutter aufbrach, bot sich ihnen ein furchtbarer Anblick. Sie fanden Leon Sebastian in seinem Bett. Verdurstet. Seine zweijährige Schwester, hockte daneben, ausgetrocknet und verstört. Die Mutter der beiden Kinder wurde später festgenommen. Sie gab an, die Kinder am 2. Advent alleine zu Hause gelassen zu haben. Das Martyrium dauerte also vier Tage, vielleicht aber auch schon länger.

Ein Kind ist verdurstet, die Menschen in Sömmerda sind schockiert. Anwohner haben Plüschtiere und Kerzen vor dem Hauseingang niedergelegt. Es ist nicht das erste Mal, das ein Kind in Deutschland an den Folgen von Verwahrlosung stirbt. In Hamburg verhungerte 2005 die siebenjährige Jessica, abgemagert bis auf 14 Kilo. In Cottbus fand die Polizei im Sommer 2004 die Leiche des sechs Jahre alten Dennis in der elterlichen Tiefkühltruhe - wie die Obduktion ergab, war er bereits drei Jahre zuvor gestorben, ebenfalls an Entkräftung. Aber Hamburg und Cottbus, sagt Sömmerdas Bürgermeister Wolfgang Flögel (parteilos), seien eben doch weit weg gewesen.

Sömmerda ist eine Kleinstadt 20 Kilometer nördlich von Erfurt, 20 000 Einwohner. Flögel sagt, er könne nicht fassen, dass ausgerechnet die Plattenbausiedlung "Neue Zeit" Schauplatz einer solchen Tragödie werden konnte. Das Wohngebiet gilt zwar als sozialer Brennpunkt. Viele der Bewohner haben keine Arbeit, auch die Mutter von Leon Sebastian lebte von Hartz IV. Andererseits gilt die Siedlung aber auch als ein Musterbeispiel für ein soziales Netz, das die Stadt zusammen mit privaten Initiativen geknüpft hat, um Fälle wie den des verdursteten Leon Sebastian zu vermeiden.

Es gibt ein Bürgerzentrum, einen Arbeitslosentreff und die "Ludothek", einen gemeinnützigen Verein, der Kindern Raum zum Spielen gibt und arbeitslosen Müttern bei der Jobsuche hilft. Ein Polizeisportverein holt Kinder und Jugendliche von der Straße in die Turnhalle. Und dann ist da auch noch das Netzwerk Regenbogen e.V. Eine Initiative, die sozial schwache Familien mit Lebensmitteln versorgt. Demnächst eröffnet sie in der Lucas-Cranach-Straße eine zweite so genannte Tafel - nur wenige Schritte von dem Haus der Mutter des verdursteten Babys entfernt.

Gegen sie sei ein Haftbefehl erlassen worden, teilte Erfurts Oberstaatsanwältin Anette Schmitt mit. Der 20-Jährigen werde Totschlag und Aussetzung mit Todesfolge vorgeworfen. Es sind dürre Worte, sie lassen kaum die Tragik erahnen, die hinter dieser Geschichte steckt. Dem Jugendamt war längst bekannt, dass Leon Sebastians Mutter mit ihren beiden Kindern überfordert war - 20 Jahre alt, Hartz IV-Empfängerin, aufgewachsen in einem Kinderheim, durchschnittlich intelligent.

Eine Nachbarin hatte das Jugendamt bereits Anfang November alarmiert. Sie mache sich Sorgen um Leon Sebastian und seine Schwester. Die Mutter lasse ihre Kinder oft alleine. In der Wohnung sei es immer dunkel. Irgendetwas stimme da nicht. So kann man das wohl auch nennen. Kurz zuvor hatte die junge Mutter ihren Ehemann vor die Tür gesetzt, auch er ein Hartz IV-Empfänger.

Völlig auf sich alleine gestellt, war ihr die Verantwortung für sich und die Kinder offenbar über den Kopf gewachsen. Sie zahlt keine Miete und keinen Strom mehr. Sie reagiert nicht auf die Mahnungen. Sie öffnet auch nicht die Tür, als so genannte Sperrbeauftragte am 6. November bei ihr klingeln, um ihr mitzuteilen, dass sie jetzt den Strom abstellen werden. Sie sucht immer häufiger Trost bei einer Freundin. Sie läuft vor den Problemen davon.

Mitte November gibt es ein Gespräch mit einer Fürsorgerin des Jugendamtes. Leon Sebastian und seine Schwester sind auch dabei. Die Fürsorgerin schaltet das Familiengericht ein. Sie sagt, die Kinder seien wohlgenährt, sie zeigten auch keine Spuren von Misshandlungen. Aber die Mutter sei mit der Erziehung eindeutig überfordert. Ihr getrennt von ihr lebender Ehemann solle sich um die Kleinen kümmern.

Das Familiengericht folgt ihrer Empfehlung. Am 8. Dezember beschließt es, dass die Kinder zum Vater kommen sollen. Details sollen in einer zweiten Verhandlung am 11. Dezember festgezurrt werden. Zum zweiten Termin, am vergangenen Montag, erscheinen weder die Mutter noch der Vater. Man weiß nicht, was im Kopf der 20-Jährigen vor sich gegangen ist. Warum sie die Wohnung verlassen und die Kinder tagelang sich selber überlassen hat. Gegenüber der Polizei soll sie später gesagt haben, sie habe sich auf der Straße herumgetrieben. Übernachtet habe sie bei einer Freundin.

Es sieht nach einer Kurzschlussreaktion aus. Es scheint, als sei die prekäre Lage der Mutter vielen Stellen bekannt gewesen. Der Wohnungsgesellschaft (WGS). Der Sömmerdaer Energieversorgung GmbH (SEV). Den Nachbarn. Ja, am Ende auch dem Jugendamt. Es scheint, als hätten zumindest die Behörde und das Familiengericht prompt reagiert. Als hätten alle alles richtig gemacht. Oder hätte der Tod des Babys doch verhindert werden können?

Der Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes, Heinz Hilgers, sagt, er verstehe nicht, warum das Jugendamt die Kinder nicht sofort in einer Pflegefamilie untergebracht habe. Wie könne man denn die Mutter mit zwei kleinen Kindern in eine Wohnung zurückschicken, die immer dunkel sei, weil der Energieversorger den Strom abgestellt habe?

Für den Kinderrechtler ist der Fall Leon Sebastian aber auch Ausdruck eines strukturellen Problems. Hilgers wird nicht müde, darauf hinzuweisen, dass sich die Kinderarmut in Deutschland in Folge der Einführung von Hartz IV verdoppelt hat. Dass es inzwischen in Deutschland 2,5 Millionen Kinder gibt, die von 207 Euro im Monat leben müssen.

Er sagt, bei der Arbeitsmarktreform sei die Sozialhilfe den Arbeitsagenturen übertragen worden. Dabei wurden Jugend- und Sozialhilfe voneinander getrennt. Konsequenz: "Jugendämter werden heute nicht mehr automatisch benachrichtigt, wenn eine Familie in eine finanzielle Notlage gerät." Siehe Leon Sebastians Mutter.

Der Politik ist dieses Problem bekannt. Sie hat auch schon reagiert. In Niedersachsen hat Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) gerade ein Modellprojekt gestartet. Werdende Mütter in Not werden schon während der Schwangerschaft von Hebammen begleitet. In der nordrhein-westfälischen Stadt Dormagen bekommen alle Eltern neugeborener Kinder neuerdings Besuch vom Jugendamt. Die Mitarbeiter lassen ihre Visitenkarte da. "Wenn es Probleme gibt, haben die Familien gleich einen Ansprechpartner", sagt Heinz Hilgers. Er ist der Bürgermeister der Stadt.

Hätte Leon Sebastian gerettet werden können, wäre er ein Dormagener? Hilgers ist da skeptisch. Er sagt, wer sich nicht helfen lassen wolle, dem sei wohl auch nicht zu helfen. Einen staatlichen Rundumschutz, nein, den könne es nicht geben.

 

Misshandelte Kinder 2006

11. Mai: Die dreijährige Layla aus Mannheim stirbt an inneren Blutungen nach Misshandlungen. Der Lebensgefährte der Mutter wird zu lebenslanger Haft verurteilt.

10. Oktober: Polizisten finden in Bremen die Leiche des zweijährigen Kevin im Kühlschrank seines vermeintlichen Vaters. Der Körper weist viele Knochenbrüche auf.

11. Oktober: In München sticht eine alkoholisierte 46-Jährige auf ihren zweijährigen Sohn ein und verletzt ihn lebensgefährlich.

13. Oktober: In Sangerhausen wird die tote sieben Wochen alten Leonie entdeckt. Gegen die Mutter wird wegen Totschlags und unterlassener Hilfeleistung ermittelt.

16. Oktober: In Zwickau stirbt ein Vierjähriger nach Misshandlungen. Die Mutter und ihr Lebensgefährten werden verhaftet.

4. November: In Gifhorn stellt sich heraus, dass die Eltern jahrelang ein anderes Kind für ihre tote Tochter Nadine ausgegeben haben. Der Vater wird festgenommen.

16. November: In Berlin stirbt ein Baby an schweren Kopfverletzungen. Die Mutter wird wegen versuchten Totschlags festgenommen. ap

FR, 15.12.06
 

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