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Mit 14 musste sie nackt posieren und ihre Eltern beim Sex fotografieren. Als sie im Jugendamt um Hilfe bat, erhielt sie nur eine Broschüre. Erst jetzt, mit 19, sprach Andrea über die Vorfälle - vor Gericht.
Was hat diese junge Frau nicht alles schon mitgemacht. Als kleines Kind wurde Andrea (Name geändert) von ihrem älteren Bruder sexuell missbraucht. Mit 14 Jahren musste sie gemeinsam mit ihrer Mutter nackt vor der Kamera ihres Stiefvaters posieren. Andrea erzählte sogar einer Mitarbeiterin des Jugendamtes von den Fotos. Doch ihr Hilferuf wurde nicht erhört. "Die haben mir nur eine Broschüre von einer Frauenorganisation in die Hand gedrückt. Mehr nicht." Jetzt mussten sich die Eheleute vor Gericht wegen sexuellen Missbrauchs einer Schutzbefohlenen verantworten. "Es kommt selten vor, dass mir die Worte fehlen, aber das macht mich sprachlos", so Strafrichter Thomas Stanisak betroffen.
Ganz anders Andrea. Im Zeugenstand erklärt die heute 19-Jährige ohne Hass und Übertreibungen von den perversen Fotoaufnahmen in ihrem Elternhaus. "Ich habe das mehr oder minder gut verkraftet", sagt die Auszubildende selbstbewusst. Das Verhältnis zu ihrer leiblichen Mutter, die sie damals so im Stich gelassen habe, und deren Lebenspartner sei sogar wieder fast normal. "Ich brauche meine Mutter", räumt die sportliche junge Frau ein. Doch das Geschehene will Andrea nicht einfach unter den Tisch kehren. Von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht macht sie keinen Gebrauch.
Auf der Anklagebank ringt die Mutter (45) um Fassung. "Ich kann mir nicht erklären, wie das passieren konnte", so die gertenschlanke Berufskraftfahrerin. Ihr Ehemann (56) will die Sache indes runterspielen. "Das war mehr ein Jux. Man lief nackt durch die Wohnung, und aus der Laune heraus sind die Fotos entstanden", gibt der dickbäuchige Mann mit den weiß-gelblichen vollen Haaren zum Besten. Entsetztes Schweigen im Saal 168.
Richter Stanisak greift zu einem roten, unauffälligen Fotoalbum, schlägt es auf. Das ganze Buch ist voll mit perversen Sexfotos von der Ehefrau, dem Kind und den Eltern. Denn Andrea musste auch ihre Eltern in eindeutigen Stellungen ablichten. "Ein ganz normales Familienalbum sieht anders aus. So etwas entsteht nicht aus einer Laune heraus", so Richter Stanisak mit etwas lauterer Stimme in Richtung des 56-jährigen Initiators und Regisseurs der Aufnahmen.
Staatsanwalt Thode beantragt für den Stiefvater zweieinhalb Jahre Haft. Rechtsanwalt Hans-Jürgen Wolter spricht sich in seinem Plädoyer für eine Bewährungsstrafe seines Mandanten aus. "Die Fotos liegen schon lange zurück. Weitere Zwischenfälle hat es seitdem nicht mehr gegeben", so Wolter. Doch angesichts der insgesamt 17 Strafregistereintragungen des 56-Jährigen findet der Antrag nur wenig Gehör. Genauso wenig wie die Forderung nach einem Freispruch für die Mutter. Verteidiger Volker Echelmeyer sieht die hagere Frau auch eher als Opfer, das zu den Fotos getrieben wurde. Sie habe am Ende dafür gesorgt, dass nichts Schlimmeres passiert sei, so Echelmeyer. Argumente, die bei Richter Stanisak nicht fruchten. Andreas Stiefvater wird wegen sexuellen Missbrauchs einer Schutzbefohlenen zu einer Haftstrafe von zwei Jahren verurteilt. Die Mutter, selbst ein Missbrauchsopfer in jungen Jahren, kommt mit einem Jahr auf Bewährung davon.
"Als Jurist und Vater kann ich diese Taten nicht nachvollziehen. Ich habe auch keinen Zweifel, dass die Fotos vermarktet werden sollten", so Stanisak, den aber nicht nur die Geschehnisse an sich betroffen machen. "Es ist erschreckend, wie die angeblich so toll funktionierende Vernetzung von Institutionen wie Jugendamt, Polizei und Staatsanwaltschaft nicht stattfindet", so Stanisak. Denn ein Besuch des Jugendamtes bei Andrea, ihrem jüngeren Brüder und den Eltern habe es trotz des Hinweises auf die Sexfotos nie gegeben. Angezeigt wurden die Taten erst von Andreas leiblichem Vater, der über ihren damaligen Freund von den Fotos erfahren hatte.
Die Verteidiger haben gegen die Urteile Rechtsmittel eingelegt.
Von Sebastian Prey, LN, 12.12.06
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