FORUM: Internetzeitschrift des Landesverbandes für Kinder
in Adoptiv und Pflegefamilien S-H e.V. (KiAP) und der Arbeitsge-
meinschaft für Sozialberatung und Psychotherapie (AGSP)


 

Nachrichten / Jahrgang 2006

 

 Für eine glückliche Kindheit

 

HILFSANGEBOT. Wie verhindert man Misshandlung und Vernachlässigung? Jugendämter arbeiten an einem Frühwarnsystem.

Mitarbeiter des Jugendamtes kennen solche Bilder: Kinder, die in verwahrlosten Wohnungen leben, die tagelang keine warme Mahlzeit bekommen und deren Körper Spuren von Gewalt aufweisen. Mehrere Fälle von misshandelten oder sogar fahrlässig getöteten Kleinkindern haben in diesem Jahr für Aufregung gesorgt. Zuletzt war es der grausame Tod des kleinen Kevin in Bremen, der die Diskussion über so genannte Frühwarnsysteme wieder in Gang brachte.

Besuch bei den Eltern

Kann so etwas verhindert werden, wie und wann können welche Hilfsangebote am wirksamsten greifen? Die Stadt Gelsenkirchen macht derzeit mit einem besonderen Modell von sich reden. In der Revierstadt bekommen alle frischgebackenen Eltern Besuch vom Jugendamt. Eigentlich will sich das Jugendamt so primär als Dienstleister präsentieren. Fallen allerdings Missstände ins Auge, kann schnell reagiert werden.

Für Sozialarbeiterin Lucia von Harten, die beim Weseler Kreisverband der Arbeiterwohlfahrt für das Projekt "Startchancen" arbeitet, ein Frühwarnsystem, das Sinn ergibt. "Weil wirklich alle Eltern besucht werden." Das Jugendamt habe vielerorts einen schlechten Ruf. "Da gibt es einfach Berührungsängste. So bekommt das Jugendamt ein Gesicht."

Seit März letzten Jahres kümmern sich Lucia von Harten und ihre Kollegin Marion Lueneberg im Rahmen des Projekts "Startchancen" um frühe Hilfen für junge Eltern mit Säuglingen. "Das sind zum Beispiel Frauen, die in schwierigen psychosozialen Situationen leben und deshalb mit der neuen Rolle als Mutter oftmals zusätzlich belastet werden." Die Idee ist aus der langjährigen Praxiserfahrung geboren. "Wir wissen aus dem Bereich der Jugendhilfe: den Zugang zu hilfebedürftigen Familien kriegen wir oft erst dann, wenn das Kind schon auffällig geworden ist."

Den ersten Kontakt zu schwangeren Frauen und Müttern haben niedergelassene Gynäkologen, das Personal in Entbindungs- und Kinderkliniken und Hebammen. Und das sind auch die Kooperationspartner für das Awo-Projekt. Wird der Kontakt hergestellt, sind es manchmal nur Kleinigkeiten, wie die Hilfe bei der Suche nach einer Kindergruppe, mit der einer Klientin geholfen werden kann. Wenn die Probleme nicht so schnell zu lösen sind, kümmern sich van Harten und ihre Kollegin um längerfristige Hilfen.Gut 50 Anfragen gab es bisher. Neben dem immer besser funktionierenden Informationsfluss zwischen Gesundheits- und Jugendhilfenetz ist bislang unter anderem auch ein kostenloses Spielgruppenangebot für Mütter mit Kindern von 0 bis 3 Jahren aus "Startchancen" hervorgegangen. Das Projekt könne allerdings nicht die Lücke eines verbindlichen sozialen Frühwarnsystems schließen, warnen die Beteiligten. Aber wichtige Vorbereitungsarbeit zum Aufbau eines solchen leisten.Frank Unruh, Kreisjugend-amtsleiter in Kleve, der für elf Gemeinden mit 140 000 Einwohnern zuständig ist, hält die im Kreis Kleve gewachsenen Strukturen als Frühwarnsystem für ausreichend. "Hier auf dem Land funktioniert das Familien- und Nachbarschaftsnetz noch. Wir haben eher das Problem, auch bei Kleinigkeiten schon informiert zu werden." In allen elf Gemeinden arbeite jeweils ein Jugendamtsmitarbeiter vor Ort, sei als bekannter Ansprechpartner für Pädagogen in Kindergärten und Grundschulen erreichbar. "Wenn hier ein Kind in der Grundschule nicht auftaucht, würde das sofort gemeldet."

Christa Röhricht vom Kreisjugendamt in Wesel und zuständig für 130 000 Einwohner in sieben Gemeinden, glaubt dennoch, dass es ein Unterschied ist, auf ein strukturiertes Frühwarnsystem zurückzugreifen oder auf Hinweise angewiesen zu sein. Obwohl: "Seit der gehäuften Berichterstattung über solche Fälle sind die Leute sensibilisiert, die Hinweise haben zugenommen." Noch gebe es kein strukturiertes Frühwarnsystem für den Kreis Wesel, "wir sind aber in der Diskussion."In Duisburg setzt Jugendamtsleiter Thomas Krützberg auf das Düsseldorfer Modell "Zukunft für Kinder in Düsseldorf" - und das, wie er betont, nicht erst seit dem "Fall Kevin". "Das baut im Prinzip auf dem auf, was wir seit längerem machen", so der Jugendamtsleiter. Derzeit laufen Gespräche mit den Entbindungs- und Kinderkliniken für eine bessere Vernetzung, so Krützberg. "Dann wird das Ganze verbindlicher."

Vorsorge für alle

Auch auf landespolitischer Ebene ist der Ruf nach Maßnahmen zum Schutze des Kindeswohls laut geworden. Dabei geht es unter anderem auch um eine größere Verbindlichkeit der medizinischen Vorsorgeuntersuchungen für Kinder. Lucia van Harten, für die Vertrauen und Freiwilligkeit zwei wesentliche Bestandteile ihrer alltäglichen Arbeit sind, glaubt, dass eine Verbindlichkeit hier sinnvoll sein kann. Denn trotz aller Sensibilität und der gut angelaufenen Kooperation mit den zuständigen Kontaktpersonen weiß sie aus Erfahrung: "Es gibt Familien, die erreichen wir einfach nicht."

Dienstag, 05. Dezember 2006, NRZ

 

 

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