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Bremen - Zwei Wochen nach dem Fund der Leiche des zweijährigen Kevin erhärten sich die Vorwürfe gegen das Bremer Jugendamt, das die Vormundschaft für das Kind hatte. Laut Chefarzt der Kinderklinik, in der Kevin wegen mehrerer Knochenbrüche behandelt worden war, war das Jugendamt über den Verdacht der Kindesmisshandlung informiert. Und nach Informationen der «Bremer Nachrichten» kannte es auch das kriminelle Vorleben des drogensüchtigen Vaters.
Die Aussage des Jugendamtes, man habe nichts gewusst, entbehre jeder Grundlage, berichteten die «Bremer Nachrichten» am Dienstag. «Wenn man gewollt hätte, hätte man alles wissen können», zitiert die Zeitung ungenannte Informanten. Die Angaben zu Kevins Vater und seiner verstorbenen Frau würden in der Sozialbehörde ganze Bände füllen. In einem Ordner soll unter anderem ein Zeitungsbericht vorliegen, in dem die kriminelle Karriere des Vaters genau dargestellt sei.
Wie Kevin ums Leben kam, ist immer noch nicht geklärt. Der 41-jährige Vater, der wegen Verdachts auf Totschlags in Untersuchungshaft sitzt, ist mehrfach wegen Gewaltdelikten vorbestraft. Außerdem läuft gegen ihn ein Ermittlungsverfahren wegen des ungeklärten Todes von Kevins Mutter im November 2005. Weder die Ermittlungen noch die Vorstrafen seien im Jugendamt bekannt gewesen, hatte dessen Chef Jürgen Hartwig kurz nach Bekanntwerden des Falls gesagt.
Auch die Bremer Staatsanwaltschaft bekräftigte am Dienstag ihre Aussage, das Jugendamt sei über Kevins Vater informiert gewesen. «Ob nun jedes Verfahren bekannt war, weiß ich nicht, aber einige Verfahren waren auf alle Fälle bekannt», sagte Sprecher Frank Passade. Für Details müsste das Ermittlungsverfahren wegen möglicher Verletzung der Fürsorgepflicht gegen den Sozialarbeiter vor Ort und den Amtsvormund abgewartet werden.
Ärzte weisen Jugendamt auf Misshandlungen hin
Der Chefarzt der Bremer Professor-Hess-Kinderklinik nannte den Fall Kevin nur die Spitze des Eisberges. «Wir sehen sicherlich jeden Monat einen Fall von Kindesmisshandlung», sagte Kinderarzt Hans-Iko Huppertz dem Sender «Radio Bremen». In jedem einzelnen Fall hätten die behandelnden Ärzte das Jugendamt auf die Vorgänge hingewiesen. «Mir sind immer wieder Fälle untergekommen, wo die Kinderärzte gesagt haben, das geht nicht gut, das ist ganz ganz schwierig, und wo es dann dem Jugendamt nicht gelungen ist, eine bessere Unterbringung für das Kind zu bekommen», sagte Huppertz. Beim nächsten Mal sei das Kind dann mit wesentlich schwereren Verletzungen gekommen, bis zum Tod.
Kinder würden viel häufiger misshandelt, als es die Öffentlichkeit wahrnehme, sagte Huppertz. Deutliche Zeichen sind dem Arzt zufolge Rippen- oder Beinbrüche, die bei kleinen Kindern praktisch nie durch Stürze vorkommen. Blutergüsse, die auf die Einwirkung von schweren Gegenständen verweisen, oder Verbrennungen, die sich auf das Ausdrücken von Zigaretten zurückführen lassen, seien ebenfalls Signale.
Der zweijährige Kevin, der am 10. Oktober tot in der väterlichen Wohnung gefunden wurde, war laut «Focus» im September 2004 in der Professor-Hess-Kinderklinik behandelt worden. Aus den Ermittlungsakten gehe hervor, dass der Schädel, beide Unterschenkel und mehrere Rippen gebrochen waren. Auch ein älterer Unterarmbruch sei bei dem nur wenige Monate alten Kind festgestellt worden. Obwohl die Klinik das Jugendamt informiert habe, gebe es keine Strafanzeige.
(AP); DNE, 24.10.06
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