FORUM: Internetzeitschrift des Landesverbandes für Kinder
in Adoptiv und Pflegefamilien S-H e.V. (KiAP) und der Arbeitsge-
meinschaft für Sozialberatung und Psychotherapie (AGSP)


 

Nachrichten / Jahrgang 2006

 

Erneuter Vorwurf

Bremer Jugendamt ließ Zwölfjährigen im Müll leben

 

Bremen (RPO). Ein Zwölfjähriger wurde in Bremen aus einem Zuhause gerettet, das einer Müllhalde glich. Er soll in einer lichtlosen Wohnung zwischen leeren Alkoholflaschen und verschimmelten Essensresten gelebt haben. Das Jugendamt schritt ein - allerdings nach Berichten des Magazins Focus und Radio Bremens erst ein Jahr, nachdem es von dem Fall unterrichtet worden war.

Obwohl Bremens Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD) bereits Anfang dieses Jahres eine Überprüfung der beiden Fälle angewiesen hatte, sei der inzwischen 13-jährige Florian aus dem Stadtteil Hemelingen erst kürzlich in einer Pflegefamilie untergebracht worden, berichteten beide Medien am Samstag. Die Behörde wäre erst eingeschritten, nachdem der zweijährige Kevin am 10. Oktober gefunden worden war.

Bis vor kurzem habe Florian also bei seiner Mutter gewohnt, bei der menschenunwürdige Verhältnisse geherrscht haben sollen. Bereits Ende Oktober 2005 hätten Polizisten Florian aus seinem Elternhaus geholt und ins Hermann-Hildebrand-Kinderheim gebracht, hieß es in den Berichten. Die Polizei habe die Wohnung als "Müllhalde aus leeren Alkoholflaschen, Tetrapacks und verschimmelten Essensresten" bezeichnet. Es habe kein Licht gegeben.

Die Mutter habe seit Monaten unter Aufsicht der Familienhilfe gestanden und sei betrunken gewesen. Die Polizei habe Anzeige wegen Verletzung der Fürsorgepflicht gestellt: "Die Mutter lässt ihren Zwölfjährigen unter Bedingungen leben, die mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer nachhaltigen Fehlentwicklung führen beziehungsweise geführt haben", zitierte "Focus" die Polizei.

Doch das Bremer Jugendamt habe Florian bereits nach zwei Tagen wieder nach Hause geschickt. Dies kritisierte Heimleiter Joachim Pape als nicht nachvollziehbare Aktion. Pape informierte den Bürgermeister über die Fälle Kevin und Florian. Obwohl die Mutter bereits im Sommer 2005 der Unterbringung ihres Sohns in einer Pflegefamilie zugestimmt habe, sei er bis nach Kevins Tod bei ihr geblieben.

Bocholter-Borkener Volksblatt, 22.10.2006-10-23

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Nach dem Tod des zweijährigen Kevin

Bremer Jugendamt besucht Problem-Eltern

Als Konsequenz aus dem Tod des zweijährigen Kevin werden Mitarbeiter des Bremer Jugendamtes mehrere Hundert Familien der Stadt gezielt besuchen. In den nächsten Tagen sollen insgesamt 600 Kinder aufgesucht werden, "die in prekären Familienverhältnissen leben", erklärte Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD) in Bremen. 95 Kinder von Alkoholkranken und Drogenabhängigen seien bereits besucht worden.

"Kindeswohl geht vor Elternrecht"

Kinder in schwierigen Verhältnissen sollten künftig zwei Mal wöchentlich gesehen werden, sei es von Erzieherinnen, Kinderärzten oder Hebammen. Die Behörden dürften sich "nicht verlassen auf das, was Drogenabhängige sagen". Kinder in schwierigen Lebensumfeldern dürften nicht nur einmal bei der Geburt und dann wieder bei der Einschulung gesehen werden, sagte Böhrnsen. Im Zweifel müsse das Kindeswohl immer über dem Elternrecht stehen. Böhrnsen setzte sich auch für Pflichtuntersuchungen von Kindern ein und befürwortete die Aufnahme von Kinderrechten in die Verfassung.

Kevin war vergangene Woche Dienstag tot im Kühlschrank seines drogensüchtigen Vaters gefunden worden. Die Bremer Sozialsenatorin Karin Röpke hatte die politische Verantwortung übernommen und war zurückgetreten. Kevin hatte unter Vormundschaft des Jugendamtes gestanden. Der Stadt lagen nach Angaben von Böhrnsen schon seit Monaten Hinweise auf den Fall vor. Die Umstände des Todes sollen von einem Untersuchungsausschuss der Bremer Bürgerschaft aufgeklärt werden.

Pflichtuntersuchungen gegen Verwahrlosung

Auch in anderen Bundesländern mehrten sich die Stimmen, die für regelmäßige Pflichtuntersuchungen eintraten. Sachsen will im kommenden Jahr ein Frühwarnsystem einführen und damit Modellregion werden. Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber verlangte, dass bei "schwerem Missbrauch des Erziehungsrechts ein starker Staat die Kinder schützen" müsse. Neben möglichen Rechts- und Verfassungsänderungen auf Bundesebene wolle Bayern selbst handeln, etwa durch lückenlose Vorsorgeuntersuchungen.

Eine Folge der wachsenden Armut

Der Deutsche Kinderschutzbund wies auf den Zusammenhang zwischen Armut und Kinder-Verwahrlosung hin. 99 Prozent der Verwahrlosungsfälle würden in armen Familien registriert, sagte der Präsident des Bundes, Heinz Hilgers. Das von Familienministerin Ursula von der Leyen angestrebte Frühwarnsystem könne nur von den Kommunen errichtet werden.

Die Zwickauer Staatsanwaltschaft teilte im Fall des misshandelten und getöteten Mehmet mit, dass die 28 Jahre alte Mutter des Jungen wegen Drogendelikten zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden sei. Von 2002 bis 2005 sei die Familie vom Jugendamt betreut worden, Missbrauchsfälle seien nach Aussage der Zwickauer Sozialbürgermeisterin nicht bekannt gewesen. Die vier Jahre alte Junge war am Freitag an Hirnblutungen gestorben. Der Lebensgefährte der Mutter hatte zugegeben, den Jungen misshandelt zu haben, die Mutter griff nach eigener Aussage nicht ein.

Lebenslange Haft für Jessicas Eltern

Der Bundesgerichtshof bestätigte unterdessen das Urteil von lebenslanger Haft gegen die Eltern der sieben Jahre alten Jessica. Das Hamburger Mädchen war 2005 tot aufgefunden worden. Die Eltern hatten die Kleine massiv vernachlässigt, das Kind war bei seinem Tod abgemagert und entkräftet.

Tagesschau, 23.10.2006

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Kindeswohl: Studie kritisiert Sorgerechts-Praxis
 

Osnabrück/Bremen (epd). Trotz schwerwiegender Gefährdungen des Kindeswohls bleibt das Sorgerecht nach einer Studie der Universität Osnabrück bundesweit mehrheitlich bei den Eltern. Sie behielten damit die Kontrolle über das Leben des betroffenen Kindes oder Jugendlichen, warnte am Donnerstag Professorin Maud Zitelmann, die die noch laufende Untersuchung unter 173 Notaufnahme-Heimen in ganz Deutschland leitet. In Bremen wurde der zweijährige Kevin tot in der Wohnung seines drogenabhängigen Vaters gefunden, obwohl das Jugendamt die Vormundschaft hatte.

Die vorherrschende Sorgerechts-Praxis sei "hochgradig riskant", kritisierte Zitelmann. Die Expertin forderte, das elterliche Sorgerecht immer dann familiengerichtlich überprüfen zu lassen, wenn ein Kind aus der Familie genommen wird. Das Sorgerecht bleibe oft auch bei den Eltern, obwohl die Kinder in Heimen untergebracht worden seien. Diesen so genannten Inobhutnahmen gehe aber in der Regel ein schweres Versagen oder Gewalt durch die Eltern voraus. Doch nur in jedem fünften Fall werde ein familiengerichtliches Kindesschutz-Verfahren angestrengt.

Auch Kevin war mehrfach in einer Notaufnahme, zuletzt im November 2005. Zuvor hatten Ärzte in einer Klinik Knochenbrüche bei ihm festgestellt. Trotz eindringlicher Warnungen der Heimleitung gab das Jugendamt den kleinen Jungen wieder zurück zu seinem Vater, der als gewalttätig gilt. Ähnlich handelten offenbar auch andere Ämter: Jede dritte der von Zitelmann befragten Einrichtung gab an, dass das Jugendamt über Gefährdungen informiert wurde, ohne dass notwendige Schritte durch die Behörden folgten.

Wenige Heimleiter informierten daraufhin die Justiz, unter anderem auch deshalb, weil sie befürchteten, vom zuständigen Jugendamt keine Kinder mehr zugewiesen zu bekommen, hieß es. Versäumnisse gebe es aber auch bei den Familiengerichten, die in einem Fünftel der Fälle die betroffenen Kinder selten oder gar nicht anhörten. Zudem gebe es häufig keine persönlichen Hilfen für traumatisierte Kinder. (epd Niedersachsen-Bremen/b2831/19.10.06)

s.a.

http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,444257,00.html

http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,443946,00.html

http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,442878,00.html

 

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