FORUM: Internetzeitschrift des Landesverbandes für Kinder
in Adoptiv und Pflegefamilien S-H e.V. (KiAP) und der Arbeitsge-
meinschaft für Sozialberatung und Psychotherapie (AGSP)


 

Nachrichten / Jahrgang 2001

 

Martyrium zweier Mädchen ruft Ermittler auf den Plan

Pflegekinder mit schockierenden Methoden gequält

VON SASCHA SCHMIERER

 

Sachsenheim, Kreis Ludwigsburg - Fünf Jahre nach dem grausamen Hungertod des fünfjährigen Pflegekinds Alexander droht ein neuer Fall die Region zu erschüttern: Zwei Mädchen im Kindergartenalter sollen von ihren Pflegeeltern aus einem Ort im Kirbachtal monatelang mit schockierenden Strafaktionen gequält worden sein.

Die zuständige Staatsanwaltschaft in Heilbronn hat ein Ermittlungsverfahren gegen die Pflegeeltern aus einem Sachsenheimer Stadtteil eingeleitet. Sie sollen zwei drei und vier Jahre alte Mädchen über Monate hinweg misshandelt haben. Ein Sprecher der Polizeidirektion Ludwigsburg bestätigte am Dienstag, dass Beamte der Kriminalaußenstelle in Vaihingen den Vorwürfen nachgehen. Das Strafmaß für die Misshandlung Schutzbefohlener liegt zwischen sechs Monaten und zehn Jahren Haft.

Auslöser der Ermittlungen ist ein Bericht der ¸¸Bild''-Zeitung über das Martyrium des Geschwisterpaars bei seinen Pflegeeltern. Danach sollen die Sachsenheimer die beiden Zöglinge seit Februar schikaniert und gequält haben. Um sie zum Schweigen zu bringen, soll den Mädchen regelmäßig der Mund zugeklebt worden sein. Außerdem haben die Pflegeeltern die Geschwister angeblich stundenlang im Wald ausgesetzt. Bei Strafaktionen sollen sie mit Urin und kaltem Wasser übergossen worden sein.

Die Zeitung beruft sich in ihrem Bericht auf Unterlagen des Stuttgarter Jugendamts. Der Heilbronner Oberstaatsanwalt Volker Link hat den Artikel bestätigt. Offenbar ist dem Blatt eine interne Aktennotiz der Behörde zugespielt worden, in der über die erschütternden Vorfälle berichtet wird. Das Stuttgarter Jugendamt soll die beiden Mädchen an die Pflegeeltern im Kirbachtal vermittelt haben. Inzwischen sind die Kinder in ein Heim eingewiesen worden.

Unterdessen wird erneut die Frage diskutiert, wie bei der Auswahl von Pflegeeltern die betroffenen Kinder geschützt werden können. Nach Recherchen der Ludwigsburger Kreiszeitung soll das Kreisjugendamt den Stuttgarter Kollegen von den Pflegeeltern abgeraten haben. Offenbar gibt es Anhaltspunkte dafür, dass die zuständige Stelle beim Besuch kein positives Bild von der Familie gewonnen hat. Der Sprecher des Ludwigsburger Landratsamts wollte dieses Gerücht am Dienstag weder bestätigen noch dementieren. Er verwies auf Nachfrage aufs Sozialgeheimnis.
Sindelfinger Zeitung vom 14. 11.2001
 

Kommentar: Das Wächteramt der Jugendbehörden soll auch Pflegekinder schützen. Es ist sicher nicht leicht, die Eignung von Pflegeelternbewerbern zu beurteilen. Aber hier war das Jugendamt offenbar rechtzeitig gewarnt worden. Unabhängig davon sollte es das Recht und die Pflicht aller Pflegeeltern sein, Arbeitskreisen unter Supervision anzugehören. Das ist der beste Schutz für Pflegekinder vor Gewalt. Auch gutwillige Pflegeeltern können unter den gezielten Dauerprovokationen von Pflegekindern aus Gewaltfamilien in großen Zorn geraten und bedürfen dann dringend der Entlastungs- und Reflexionsgespräche unter verständnisvollen Kolleginnen. Die Supervision kostet Geld, aber sehr viel weniger als Heimerziehung und entlastet die überforderten Pflegekinderdienste.
Kurt Eberhard (Nov. 2001)


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