Nachrichten / Jahrgang 2006

 

 Zentrum gegen Kindesmisshandlung

Hannover: Einmaliges Projekt. Das leitende Krankenhaus Bult will nicht nur helfen, sondern auch sofort gegen die Ursachen vorgehen.

 

Die Diagnose Kindesmisshandlung ist trauriger Alltag für Kinderärzte und Kinderkliniken in Deutschland. Einmalig ist die Art, wie künftig in Hannover auf diese Herausforderung reagiert wird: Das bundesweit erste Koordinationszentrum soll nicht nur helfen, Kindesmisshandlung und sexuellen Missbrauch schneller zu erkennen, sondern sofort gegen
die Ursachen vorzugehen.

Der gestern in Hannover beispielhaft vorgestellte Fall eines kaum Zweijährigen, der mit einem Schädelbruch in die Klinik eingeliefert worden war, ist nur die Spitze des Eisberges. Mehr als 500 Kinder unter 15 Jahren sterben in Deutschland jährlich als Folge von Misshandlung, über 15 000 Fälle von sexuellem Missbrauch werden jährlich angezeigt. Hinzu kommt eine Dunkelziffer, die auch deshalb so groß ist, weil Ärzte sich auf einem schmalen Grad zwischen Schweigepflicht und Fürsorge für die Kinder bewegen. Die Federführung für das Projekt liegt beim Kinderkrankenhaus Bult in Hannover, der
größten derartigen norddeutschen Einrichtung.

Standardisierte Abläufe in allen Kliniken der Region bei der Aufnahme möglicherweise misshandelter Kinder sollen dafür sorgen, dass wirklich jedem Verdacht auch tatsächlich nachgegangen wird. Einbezogen sind auch alle Kinderärzte in der Region - das Projekt soll auch auf andere niedergelassene Ärzte ausgedehnt werden. Teams aus Ärzten, Psychologen und Jugendämtern sollen bei erkannten Fällen dafür sorgen, dass es eben nicht dabei bleibt, die misshandelten Kinder aufzupäppeln, um sie dann doch wieder in ihre oft ursächliche häusliche Situation zu entlassen. Weit über 90 Prozent aller Fälle von Misshandlung, Vernachlässigung und sexuellem Missbrauch passieren im engsten Familienkreis aus Eltern, Stiefeltern und anderen nahen Verwandten.

Niedersachsens Sozialministerin Mechthild Ross-Luttmann (CDU) äußerte bei der Vorstellung des Projekts die Hoffnung, dass das Koordinationszentrum "leuchtendes Beispiel für Nachahmer sein wird". Gefördert vom Land wird die Initiative zumindest derzeit aber nicht.

Hamburger Abendblatt, 22. September 2006

 

 

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