FORUM: Internetzeitschrift des Landesverbandes für Kinder
in Adoptiv und Pflegefamilien S-H e.V. (KiAP) und der Arbeitsge-
meinschaft für Sozialberatung und Psychotherapie (AGSP)


 

Nachrichten / Jahrgang 2006

 

Ihr Kinderlein kommet

Gerhard Schröder adoptiert ein zweites Kind. Darf er das?

 

von Britta Stuff

Eigentlich ist gegen Gerhard Schröder nichts einzuwenden. Er ist nicht vorbestraft, er ist ganz sicher über 25 Jahre alt, und soweit wir wissen ist er in der Lage, ein Kind zu ernähren. Laut Gesetz darf er also Kinder adoptieren.

Doch als am vergangenen Donnerstag bekannt wurde, dass Gerhard Schröder zusammen mit seiner Gattin Doris Schröder-Köpf ein zweites Kind, einen russischen Jungen, adoptiert hat, fragten sich erneut alle, ob das nicht ungesetzlich ist - oder zumindest ungerecht.

Solche Fragen kennt Henrike Hopp, Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft für Kinder in Adoptiv- und Pflegefamilien, noch aus der Zeit, als Schröder das russische Mädchen Viktoria adoptierte. Eigentlich war es immer wieder die gleiche Frage: Ist der nicht zu alt?

Und ja, er ist es. "In Deutschland würde er als 62-Jähriger niemals ein Kind bekommen. Gesetzlich gibt es nach oben zwar keine Altersgrenze, aber es ist eine Vereinbarung, dass ein Eltern-Kind- und kein Eltern-Großeltern-Verhältnis entstehen soll", sagt sie. "Außerdem gibt es selbst für junge Paare zu wenige Adoptivkinder." Seit 1994 ist die Zahl der Adoptionen in Deutschland um 40 Prozent zurückgegangen, denn auf ein zur Adoption freigegebenes Kind kommen inzwischen elf suchende Paare.

Und so bleibt jenen, die nicht dem Typus der Idealeltern entsprechen, oft nur der Weg ins Ausland. Im Jahr 2004 wurden in Deutschland 5064 Kinder adoptiert, davon besaß fast ein Drittel nicht die deutsche Staatsangehörigkeit.

Die Schröders adoptierten 2004 Viktoria - eigentlich wäre er zu alt. Der Schlagersänger Patrick Lindner nahm bereits 1998 einen russischen Jungen auf - als Homosexueller wäre das in Deutschland schwierig. Und auch in anderen Ländern gelten strenge Regeln. Schauspielerin Angelina Jolie, die als Paradebeispiel für eine prominente Adoptivmami gilt, hätte es als damalige Singlemutter in den USA schwer gehabt, einen Sohn zu aufzunehmen. Sie adoptierte 2002 den kambodschanischen Maddox.

Kambodscha und Russland gehören zu den Staaten, die das sogenannte Haager Adoptionsabkommen nicht unterzeichnet haben. Dort ist es leichter, ein Kind zu adoptieren. Auch für Paare, die in Deutschland eigentlich gute Chancen auf ein Kind hätten, denn "hier muss man oft Jahre warten, auch wenn man alle Kriterien erfüllt", sagt Henrike Hopp.

Doch auch eine Auslandsadoption ist nicht einfach. Reich sein ist von Vorteil, denn die Vermittlung von Kindern kostet mehrere zehntausend Euro. Und die sogenannten harten Kriterien wie die Altersuntergrenze von 25 Jahren, das lupenreine Vorstrafenregister und die gesicherten Einkünfte müssen gegeben sein. "Wer keinen Putin im Rücken hat, hat es schwerer", sagt Henrike Hopp. Das ist natürlich ein Scherz, klar.

Die Welt, 20. August 2006

 

 

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