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Berlin - Knapp 2300 Familien in Reinickendorf gelten dem Jugendamt als Problemfälle. Es seien zum einen langzeitarbeitslose Eltern, die so lethargisch seien, dass sie sich auch um ihre Kinder nicht mehr kümmerten, und zum anderen allein erziehende Berufstätige, die mit der Erziehung überfordert seien, sagte Jugendstadtrat Peter Senftleben. Um in diesen Fällen künftig rechtzeitig und effektiv helfen zu können, will sich das Jugendamt ab sofort umstrukturieren.
Dazu wurde der Bezirk in vier Regionen geteilt. Hier sollen die Sozialarbeiter in größerer Nähe zu den Klienten individuelle Teams mit anderen Institutionen wie Schulen oder Kitas bilden. Für die Bearbeitung von Hinweisen auf Kindesvernachlässigung gilt ab dem 1. September eine standardisierte Arbeitsanweisung. Die Angaben werden auf einem Meldebogen erfasst, der – falls keine sofortige Intervention notwendig erscheint – dem zuständigen Sachbearbeiter zugeleitet wird. Binnen 14 Tagen muss dann anhand eines umfangreichen Erhebungsbogens eine weitere Kontrolle erfolgen, wobei Wohnungsvisiten künftig immer von zwei Mitarbeitern vorgenommen werden sollen.
Außerdem wolle man gegenüber den Gerichten selbstbewusster werden, sagte Senftleben. Wenn sich dort Entscheidungen verzögern oder nicht den Vorstellungen des Amtes entsprechen, werde man künftig häufiger mit Beschwerden reagieren. Ein Problem ist nach wie vor die dünne Personaldecke: Auf jede Kraft kämen rund 70 Problemfälle, sagte der Stadtrat. Das Durchschnittsalter der Sozialarbeiter liegt bei 50 Jahren. Zusatzstellen werden seit Jahren nicht mehr bewilligt.
Aufregung um vernachlässigte Kinder hatte es im Bezirk zuletzt im Dezember 2005 gegeben, als die Polizei die elfjährige Julia in einer vermüllten Wohnung vorfand. Der Fall macht auch deshalb Schlagzeilen, weil das Kind seit Monaten in der Schule fehlte.
Tagesspiegel, 04.08.2006
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