|
Lutz Schnedelbach
Der vierjährige Joachim liegt weiterhin im Koma auf der Intensivstation. Der Zustand des schwer misshandelten Kindes stabilisiere sich, sagte Rainer Rossi, Chef der Kinder- und Jugendmedizin im Vivantes-Klinikum Neukölln, gestern der Berliner Zeitung. Der Kreislauf des Jungen sei weitestgehend normal. Die Spezialisten der Klinik gehen davon aus, dass der kleine Joachim in den nächsten Tagen wieder allein, also ohne medizintechnische Hilfe, atmen kann.
Seit gestern kümmert sich das Neuköllner Jugendamt um den geschundenen Jungen. "Wir werden eine geeignete Betreuung für das Kind finden", sagte der Jugendstadtrat Thomas Blesing (SPD) gestern auf Anfrage. Das Jugendamt habe das Kind jetzt rechtlich in seine Obhut genommen und sei nach der Entlassung aus dem Krankenhaus für die Betreuung zuständig, teilte der Bezirksstadtrat mit.
Der vierjährige Joachim war wie berichtet am vergangenen Sonnabend wegen akuter Atemnot von einem Notarzt in das Neuköllner Krankenhaus gebracht worden. Dort diagnostizierten die Ärzte Verletzungen, die nur durch massive Misshandlungen entstanden sein können. Noch am selben Tag nahm die Polizei die 25-jährige Mutter und deren 20 Jahre älteren Lebensgefährten fest. Ein Richter erließ gegen beide Haftbefehl wegen Kindesmisshandlung und Aussetzung des Kindes. Außerdem muss sich das Paar wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz verantworten. In der verwahrlosten Wohnung war eine scharfe Pistole gefunden worden. Sie war geladen und entsichert.
Gestern wurde bekannt, dass das Jugendamt Neukölln die Mutter bereits kennt, weil sie um Hilfe gebeten hat. Die Frau wohne erst wenige Wochen in Neukölln, sagte der Jugendstadtrat. In den Gesprächen habe das Amt der Frau Unterstützung bei der Erziehung angeboten. So seien Kontakte zu einer Gruppe vermittelt worden, in der Eltern Erziehung lernen. Blesing sagte, dass die Kontakte zu der 25-jährigen Mutter "sehr schwierig" waren, weil sie die von ihr getroffenen Verabredungen nicht eingehalten und immer wieder Termine abgesagt hat.
Nach Informationen des Jugendamtes hatte eine Mitarbeiterin den Jungen Anfang des Jahres begutachtet. Verletzungen seien nicht zu sehen gewesen. Auch verängstigt war das Kind nicht, hieß es gestern. Ob sich die Mutter und ihr Freund zu den Misshandlungen geäußert haben, ist nicht bekannt. Fest steht, dass das Paar erst seit kurzem zusammen ist. "Wir kannten den Mann nicht", teilte das Neuköllner Jugendamt gestern mit.
Berliner Zeitung, 27.06.2006
|