FORUM: Internetzeitschrift des Landesverbandes für Kinder
in Adoptiv und Pflegefamilien S-H e.V. (KiAP) und der Arbeitsge-
meinschaft für Sozialberatung und Psychotherapie (AGSP)


 

Nachrichten / Jahrgang 2006

 

Kindesmißhandlung:
Spandau will künftig schneller einschreiten

Neuer Regelkatalog für Umgang mit Verdachtsfällen

von Christine Eichelmann

 

Berlin - Das Jugendamt Spandau geht beim Umgang mit Kindesmißhandlung und
-vernachlässigung in die Offensive. Gestern stellten Jugendstadträtin Ursula Meys und Gesundheitsstadtrat Axel Hedergott (beide SPD) einen Maßnahmenkatalog vor, der den Ablauf nach Hinweisen auf mögliche Kindeswohlgefährdungen regelt und seit dem 1. März in Kraft ist. Nach mehreren spektakulären Fällen verwahrloster oder gequälter Kinder und politischem Streit um die Kosten der Hilfen zur Erziehung "wollen wir mehr Transparenz herstellen", erklärte Meys.

Der Regelkatalog, der allen zuständigen Mitarbeitern gegen Quittung ausgehändigt wurde, schreibt nach Meldungen mit Verdacht auf Kindesmißhandlung oder Verwahrlosung einen sofortigen Hausbesuch vor. Ist der Zugang zur Wohnung nicht möglich, zum Beispiel weil die Verdachtslage für eine polizeiliche Unterstützung nicht ausreicht, soll der Fall über andere Informanten wie Ärzte oder Lehrer weiterverfolgt werden. Für eine akute Unterbringung von Kindern bis 12 Jahren gibt es in Spandau sechs Plätze, die im Schnitt zu 78 Prozent ausgelastet sind. Der Krisendienst "Jona" für 13- bis 18jährige war im Juni 2005 aus Kostengründen geschlossen worden.

Verzichten können die Fachkräfte auf den ersten Vororttermin nur in Ausnahmefällen. Dann muß ein "qualifizierter Vermerk" mit Begründung erstellt und nach dem Vier-Augen-Prinzip gegengezeichnet werden. "Das ist neu, ebenso wie die Tatsache, daß Stadtrat Hedergott und ich von jedem Fall sofort erfahren", sagte Meys. Dies sowie ein Meldebogen für jeden neuen Fall solle auch die Statistik erleichtern. "Wir wollen wissen ob es nur eine gefühlte Vermehrung der Fälle gibt oder wir das belegen können", so die Stadträtin. Wie effizient das gemeinsame Maßnahmenpaket ist, das auch zeitraubende Zuständigkeitsquerelen verhindern soll, wird eine Evaluierung nach sechs Monaten ergeben. In den Fällen der mißhandelten Kleinkinder Marie (Dezember 2003) und Michelle (Oktober 2004) sowie der Geschwister Steven und Marvin, die im November 2005 aus einer vermüllten Spandauer Wohnung geholt wurden, war Kritik laut geworden, die Ämter seien Hinweisen nicht ausreichend nachgegangen.

Die Welt, 9. März 2006

 

 

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