FORUM: Internetzeitschrift des Landesverbandes für Kinder
in Adoptiv und Pflegefamilien S-H e.V. (KiAP) und der Arbeitsge-
meinschaft für Sozialberatung und Psychotherapie (AGSP)


 

Nachrichten / Jahrgang 2006

 

Untersuchungen beim Kinderarzt sollen
zur Pflicht werden

 

Politiker in Bund und Ländern wollen regelmäßige ärztliche Untersuchungen von Kindern zur Pflicht machen, um Misshandlungen und Vernachlässigung früher aufzudecken. Die Initiative kam aus dem Saarland, die Untersuchungen von Kindern bis zum 13. Lebensjahr vorzuschreiben. Die Neumarkter Kinderärzte begrüßen diese Entscheidung. Dr. Dr. med. Dietrich Klinter, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin in Neumarkt, findet den Vorstoß, einen Pflichtbesuch beim Kinderarzt einzuführen, nicht schlecht: „Freiwilligkeit wäre zwar besser, aber manchmal ist staatliche Aufsicht eben notwendig.“ Sein Vorschlag wäre beispielsweise, das Kindergeld nur dann auszuzahlen, wenn ein gültiger Stempel des Kinderarztes vorliegt.

Zu große Zeitabstände

Generell wäre ein Kinderarztbesuch einmal pro Jahr wünschenswert, sagt Klinter. In dieser Hinsicht versteht er auch die Krankenkassen nicht: „Die privaten Kassen zahlen jedes Jahr eine Vorsorgeuntersuchung zwischen dem ersten und 18. Geburtstag. Die gesetzlichen Krankenkassen kommen nur für insgesamt zehn auf, wobei bereits vier im ersten Lebensjahr sind“, erklärt der Kinder- und Jugendmediziner. Die restlichen sechs folgten in zu großen Abständen. „Die Kassen betreiben hier eine Zwei-Klassen-Medizin, nicht die Ärzte“, beklagt er.

Impfungen häufig versäumt

Gerade bis zum sechsten Lebensjahr seien die Vorsorgeuntersuchungen extrem wichtig, da noch keine Schulpflicht bestehe. Leider zeigt die Statistik jedoch: Im ersten Lebensjahr wird die Vorsorgeuntersuchung noch zu über 90 Prozent wahrgenommen, im zweiten nur noch zu 85 Prozent, im vierten und fünften gerade noch zu 70 Prozent. Doch eben in diesem Lebensabschnitt sei es wichtig, Mangel- und Fehlernährung, Karies oder Übergewicht beizeiten entgegenzuwirken. „Auch die Impfungen werden häufig versäumt“, führt Klinter einen weiteren Mangel auf. Er fordert in diesem Zusammenhang auch, dass Vorsorgeuntersuchungen nur von staatlich geprüften Kinder- und Jugendärzten gemacht werden sollten. Es passiere durchaus alle ein bis zwei Monate, dass er ein eher verwahrlostes Kind zu Gesicht bekomme. Daher wünscht er sich eine intensivere Zusammenarbeit mit dem Jugendamt. Kinderarzt Dr. Harald Lodes in Neumarkt, würde regelmäßige Pflichtbesuche beim Kinderarzt ebenfalls gutheißen. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte habe zwar ein Vorsorgeheft mit den empfohlenen Untersuchungen herausgegeben. Doch aus seiner Praxiserfahrung weiß er ebenso wie sein Kollege Klinter, dass diese Vorsorgeuntersuchungen mit steigendem Alter immer weniger wahrgenommen würden. Die über Zehnjährigen gingen kaum noch zum Kinderarzt. „Dabei könnte man in diesem Alter Wirbelsäulenschwächen noch leicht mit Krankengymnastik entgegenwirken. Mit 30 Jahren ist das erheblich aufwändiger und verursacht eine Menge Kosten.“ Auch er versteht den Spardruck der Kassen nicht: Eine Vorsorgeuntersuchung pro Jahr für Kinder und Jugendliche wäre das Minimum. „Doch die Krankenkassen zahlen nur noch das Notwendige und wirklich Erforderliche, nicht aber das Wünschenswerte“, bedauert Lodes die Entwicklung, die eindeutig zu Lasten der Kinder gehe. Die Kosten und die Personalausstattung seien das größte Problem, womit nicht nur die Kinderärzte, sondern auch die Jugendämter zu kämpfen hätten: „Die Zusammenarbeit mit dem Jugendamt klappt gut, aber wenn wir einen vagen Verdacht äußern, dauert es oft zu lang, bis dem nachgegangen wird.“

Augen- und Hörtest gestrichen

„Eine Pflichtuntersuchung einmal pro Jahr wäre sehr wichtig“, sagt Kinderärztin Monika Sachse. Gerade sozial schwache Familien ignorierten die bisherigen Vorsorgeuntersuchungen häufig. Ein Pflichtbesuch hätte mehrere positive Effekte: „Zum einen könnte man Entwicklungsstörungen viel besser vorbeugen, zum anderen Missbrauch oder Misshandlungen schneller aufdecken.“ Deshalb setze sich der Berufsverband schon seit Jahren dafür ein, die großen Lücken zwischen den bisherigen Vorsorgeuntersuchungen zu schließen. Was Sachse besonders ärgert: „Auf der einen Seite sollen die Kinderärzte möglichst früh körperliche und geistige Störungen erkennen, auf der anderen Seite wird uns immer mehr gestrichen, wie beispielsweise die Hörtests und Augenuntersuchungen.“ Später zahlten dann die Kassen viel Geld, um die Schäden zu reparieren.

Problematische Kontrolle

Auch Stefan Pruy, Leiter des Jugendamts, befürwortet einen Pflichtbesuch beim Kinderarzt: „Das wäre wünschenswert und grundsätzlich sinnvoll.“ Das Problem sieht er aber vielmehr in der praktischen Umsetzung: „Die Kontrolle müsste dann bei den Krankenkassen angesiedelt werden.“ Denn bei häufigen Umzügen junger Familien sei dies von den Jugendämtern nicht zu bewältigen. Der Vorteil von einem jährlichen Pflichtbesuch beim Kinderarzt sei, dass Auffälligkeiten bei Kindern beizeiten aufgedeckt werden könnten. „Wir bekommen ja immer wieder Hinweise von Kinderärzten, denen wir dann auch nachgehen. Die Neumarkter Kinderärzte sind da sehr aufmerksam und eine gute Hilfe für uns. Wir arbeiten gut zusammen“, erklärt Pruy. Bei der Einführung eines Pflichtbesuchs könnte das Jugendamt dann dem auch nachgehen, wenn Untersuchungen versäumt würden.

Mittelbayerische Zeitung 2.1.2006

 

 

 

[AGSP] [Aufgaben / Mitarbeiter] [Aktivitäten] [Veröffentlichungen] [Suchhilfen] [FORUM] [Magazin] [JG 2011 +] [JG 2010] [JG 2009] [JG 2008] [JG 2007] [JG 2006] [JG 2005] [JG 2004] [JG 2003] [JG 2002] [JG 2001] [JG 2000] [Sachgebiete] [Intern] [Buchbestellung] [Kontakte] [Impressum]

[Haftungsausschluss]

[Buchempfehlungen] [zu den Jahrgängen]

Google
  Web www.agsp.de   

 

 

 

 

 

simyo - Einfach mobil telefonieren!

 


 

Google
Web www.agsp.de

 

Anzeigen

 

 

 

 


www.ink-paradies.de  -  Einfach preiswert drucken