FORUM: Internetzeitschrift des Landesverbandes für Kinder
in Adoptiv und Pflegefamilien S-H e.V. (KiAP) und der Arbeitsge-
meinschaft für Sozialberatung und Psychotherapie (AGSP)


 

Nachrichten / Jahrgang 2001

 

Kind schwer misshandelt: Hat die Stadt geschlafen?

Von Sebastian Prey, LN

 

Lübeck - Innere Verletzungen, blaue Flecken und Brandwunden am ganzen Körper: Der einjährige Justin wurde schwer misshandelt. Das Jugendamt war informiert, tat aber nichts. Der Staatsanwalt ermittelt.


Der kleine Justin liegt noch immer auf der Intensivstation der Uni-Klinik. Vor drei Wochen wurde er dort mit lebensbedrohlichen Verletzungen eingeliefert. Er wird durch Infusionen ernährt. Als Folge der Misshandlung mussten ihm die Ärzte ein Stück vom Darm entfernen. Möglicherweise wird er jetzt noch einmal operiert. Oberärztin Dr. Martina Kohl (37) : "Er verträgt keine normale Nahrung. Der Darm funktioniert nicht richtig."

Justins Onkel, Jörg Dreier, kocht vor Wut. Der 38-Jährige hat das Unheil kommen sehen. Mehrfach sei er beim Jugendamt vorstellig geworden. "Die Mutter ist seit dem Tod ihres Verlobten vor einem Jahr mit der Situation total überfordert", sagt Dreier. Doch beim Amt sei er mit der Bitte um Hilfe immer nur abgeblitzt. Dreier: "Jetzt ist die Katastrophe da." Auch der Kinderarzt von Justin beklagt Versäumnisse. "Das Jugendamt ist diverse Male in verschiedenen Zusammenhängen über die unbefriedigende Pflegesituation des Kindes informiert worden", sagt der Arzt. Auch zur Hilflosigkeit der betreuenden Mutter habe er beim Jugendamt Angaben gemacht. Dies sei auch nicht nur ein- oder zweimal geschehen. Näheres wolle er zu dem Fall nicht sagen. Er wolle nur, dass die Misshandlungen sich nicht wiederholten. Weitere Stellungnahmen wollte der Mediziner deshalb auch nur gegenüber der Staatsanwaltschaft und den Ämtern machen. "Ich rechne damit, dass ich in Kürze befragt werde", sagt der Kinderarzt, der Justin von Geburt an betreut.

Was ist passiert? Justins Mutter ist mit ihrem älteren Sohn (2) übers Wochenende zur Oma gefahren. Der Bruder (21) und ein Bekannter (19) sollten in Buntekuh auf Justin aufpassen. Die 23-jährige Mutter: "Das haben die schon oft gemacht. Es ist immer gut gegangen." Doch diesmal endete die "Betreuung" in der Klinik. Die beiden jungen Männer hatten den Notarzt gerufen, als sich Justin kaum noch regte. Übersät mit blauen Flecken, Brandwunden, die wahrscheinlich von Zigaretten stammten, und inneren Verletzungen landete der gequälte Junge in der Uni-Klinik. Gegen die Männer ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Misshandlung von Schutzbefohlenen. Der zweijährige Bruder kam vorsorglich ins Heim.

Beim Jugendamt wollte man sich gestern nicht äußern. "Uns lagen keine Anhaltspunkte vor, dass ein Eingreifen nötig war", so Beatrix Schnicke, stellvertretende Bereichsleiterin. Aufgrund des "schwebenden Verfahrens" wolle sie keine weiteren Angaben machen.

Laut Klaus-Dieter Schultz, Sprecher der Staatsanwaltschaft, wird zwar im Fall Justin ermittelt - aber nicht gegen das Jugendamt. "Dafür sehe ich auch derzeit keinen strafrechtlichen Ansatz", so Schultz. Das bedeute allerdings nicht, dass Versäumnisse auszuschließen seien. Ermittelt werde derzeit nur gegen die beiden jungen Männer, die alle Vorwürfe bestreiten. Weil juristisch "kein dringender Tatverdacht" bestehe, habe kein Haftbefehlantrag gestellt werden können, so Schultz. Fest stehe nur, dass die frischen Blutergüsse und mehrere "in Abheilung befindliche" offene Wunden auf äußerliche Gewalt zurückzuführen sind. Auch frühere Knochenbrüche, die die Ärzte jetzt in der Klinik diagnostizierten, deuteten auf Gewalteinwirkung hin, so Dr. Kohl.
Lübecker Nachrichten - 4.8.2001


 


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