FORUM: Internetzeitschrift des Landesverbandes für Kinder
in Adoptiv und Pflegefamilien S-H e.V. (KiAP) und der Arbeitsge-
meinschaft für Sozialberatung und Psychotherapie (AGSP)


 

Nachrichten / Jahrgang 2005

 

Polizistinnen retten Kinder

In Marzahn wurde ein Baby misshandelt / Mutter in Reinickendorf ließ ihr Kind verwahrlosen

Lutz Schnedelbach und Andreas Kopietz

 

In Marzahn ist ein Baby schwer misshandelt worden. Die vier Monate alte Jasmin liegt mit lebensgefährlichen Verletzungen im Krankenhaus. Den 22-jährigen Vater nahm die Polizei als Tatverdächtigen fest. René S. sollte am Freitag einem Richter zum Erlass eines Haftbefehls vorgeführt werden. Ob Jasmin überleben wird, ist fraglich. Ihr Gesundheitszustand sei sehr kritisch, hieß es gestern aus der Klinik.

Nach ersten Ermittlungen der Polizei war die 19-jährige Mutter am Mittwoch auf der Straße unterwegs. Ihr Freund sollte daheim auf die Kinder aufpassen: die Zwillinge Jasmin und Jaqueline sowie die knapp zweijährige Samantha. Als die Mutter nach Hause kam, atmete Jasmin schwer und war apathisch. Die Mutter ging mit dem Baby zum Kinderarzt. Er wies das Kind sofort ins Krankenhaus Friedrichshain ein. Dort stellten die Ärzte Hirnblutungen, ein Schütteltrauma und ältere Hämatome am Körper fest. Am Donnerstag informierten sie die Polizei. Gegen 22.50 Uhr klingelten Beamte des Landeskriminalamtes an der Wohnung der Eltern in einem Plattenbau in der Flämingstraße und nahmen die Eltern fest.

Am Freitag ließen die Ermittler die Mutter wieder laufen. Für sie steht fest, dass die Frau unschuldig ist. Ihr Lebensgefährte René S. war noch in der Nacht befragt worden. In der Vernehmung hatte er behauptet, das Baby sei ihm heruntergefallen. Die Ärzte schließen jedoch aus, dass derartige Verletzungen von einem Sturz herrühren können.

Die Eltern, die mit den Kindern in einer Dreizimmerwohnung leben, sind arbeitslos. René S. ist nur der Vater der Zwillinge. Nachbarn beschreiben die Eltern als "einfache Leute". Das Jugendamt schickte der Familie drei Mal pro Woche Betreuer. "Wir prüfen jetzt, wie die Mutter weiter unterstützt werden kann", sagte Jugendstadträtin Manuela Schmidt (PDS). Die Kinder seien in der Obhut des Jugendamtes.

Unterdessen sind die Kinderretter der Polizei auch nach Reinickendorf gerufen worden. Wie am Freitag bekannt wurde, befreiten Beamte ein elfjähriges Mädchen aus einer völlig verdreckten Wohnung. Aus Angst hatte das Kind am Donnerstagnachmittag die 110 gewählt, weil der Freund ihrer älteren Schwester drohte, die Tür einzutreten. Die Schwester war von der 40-jährigen Mutter beauftragt worden, sich um die Kleine zu kümmern. Das Mädchen schloss erst der Funkwagenbesatzung die Tür auf. "In der Wohnung trafen die Beamten auf katastrophale hygienische Zustände", sagte ein Polizeisprecher. Die einzige Waschgelegenheit war die Spüle in der Küche, die jedoch mit dreckigem Geschirr voll gestellt war. Lebensmittel und Getränke gab es nicht. Die Räume waren unbeheizt und die Jalousien heruntergelassen. Das Kind konnte sie nicht öffnen.

Die Mutter arbeitete indessen in einer Kneipe. Die Aufforderung der Polizisten, nach Hause zu kommen, lehnte sie desinteressiert ab, sagte der Polizeisprecher. Die Elfjährige wurde zum Kindernotdienst gebracht.

Die Mutter ist der Polizei bekannt. Gegen sie wurde in diesem Jahr bereits aus dem gleichen Grund ein Ermittlungsverfahren geführt. Das Jugendamt brachte bereits einen Sohn der Frau bei einer Pflegefamilie unter.

Berliner Zeitung, 3.12.2005

 

 

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