FORUM: Internetzeitschrift des Landesverbandes für Kinder
in Adoptiv und Pflegefamilien S-H e.V. (KiAP) und der Arbeitsge-
meinschaft für Sozialberatung und Psychotherapie (AGSP)


 

Nachrichten / Jahrgang 2005

 

 Mißhandlungen: Politik reagiert

Bezirksverordnete nehmen Arbeit zweier Jugendämter
unter die Lupe

 

Von Tanja Laninger

Die zwei aktuellen Fälle von Kindesmißhandlung und Verwahrlosung werden politische Nachspiele in Marzahn-Hellersdorf und in Reinickendorf haben. Denn die jeweiligen Familien waren den Jugendämtern seit Monaten bekannt und wurden von Familienhelfern betreut. Deren Arbeit wird nun in den Bezirksverordneten-Versammlungen (BVV) überprüft.

Wie berichtet, hat die Polizei am Freitag ein Mädchen (11) aus einer verwahrlosten Bleibe in Reinickendorf befreit. Außerdem hat ein Familienvater (22) aus Marzahn sein Baby (4 Monate) so stark geschüttelt, daß es mit Hirnblutungen und einem Ödem im Gehirn ins Vivantes Klinikum im Friedrichshain gebracht wurde. René S. ist seit Freitag in Haft. Seine Tochter Jasmin kämpft mit dem Tod.

Auf den Bericht wartet Jugenddezernentin Manuela Schmidt (Linkspartei.PDS). Sie bestätigt, daß zwei Sozialpädagogen die Familie seit der Geburt des Babys dreimal pro Woche besuchen. "Sie begleiten die jungen Eltern bei Behördengängen und Einkäufen." Ärzte haben allerdings ältere Hämatome am Kinn des Kindes gefunden - Spuren von Mißhandlungen. "Davon haben wir nichts mitbekommen", sagt die Stadträtin - obwohl die Familienhelfer Hilfe bei der Erziehung und Anleitung zur Pflege geben sollten.

Schmidts Antwort reicht den Fraktionen nicht. Die CDU stellt Mitte Dezember eine große Anfrage: "Haben die Familienhelfer nichts bemerkt, oder hat die Leitung auf Hinweise zu zögerlich reagiert?", fragt die Verordnete Petra Brehmer. SPD und FDP wollen ebenfalls mit Schmidt sprechen und behalten sich BVV-Anfragen vor.

Ähnliches droht Jugendstadtrat Peter Senftleben (SPD) in Reinickendorf durch die FDP-Fraktion, wie deren Vorsitzende Carin Hollube ankündigt. Denn das Jugendamt betreut die verwahrloste Julia und ihre Mutter (40) seit September. Damals wurden beide obdachlos, seit dem 22. November leben sie in einer Wohnung des Sozialamtes. "Wir verzeichnen Erfolge", sagt Senftleben. So besuche die Tochter "mehr oder weniger regelmäßig" die Schule, die Finanzen würden geordnet. Der Stadtrat wertet den Fall weniger schwerwiegend als die Polizei: "Die Mutter ist unordentlich." Die Tochter habe Kopfläuse, sei aber sauber gekleidet, sprachlich fit, intelligent und wohlauf. "Sie ist beim Kindernotdienst, will aber zu ihrer Mutter zurück. Das bereden wir am Montag."

Berliner Morgenpost, 2.12.2005

 

 

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