FORUM: Internetzeitschrift des Landesverbandes für Kinder
in Adoptiv und Pflegefamilien S-H e.V. (KiAP) und der Arbeitsge-
meinschaft für Sozialberatung und Psychotherapie (AGSP)


 

Nachrichten / Jahrgang 2005

 

SOZIALARBEITER SCHLAGEN ALARM

Jedes Jahr 700 vernachlässigte Kinder

von SIMONE PAULS



Vernachlässigte Kinder, die ungeliebt zwischen Müll und Exkrementen leben müssen. Anfang November schockten die Hamburger gleich drei Beispiele. Einzelschicksale? Nein. Die Wahrheit ist viel, viel schlimmer. Experten glauben, dass es pro Jahr in unserer Stadt unglaubliche 700 Fälle von schwerster Verwahrlosung gibt.

Diese Zahl befürchten Mitarbeiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD). Gestern machten fünf ihrem Frust Luft. Aus Angst vor Repressialen wollen sie anonym bleiben.

Die Geschwister, die am 5. November in Wilhelmsburg im Dreck entdeckt wurden. Das Baby aus der verwahrlosten Eimsbütteler Wohnung. Die Mutter, die mit ihren sechs Kindern in einer siffigen Bude auf der Veddel hauste. "Keine extremen Einzelfälle. So etwas erlebe ich zwei bis drei Mal im Jahr", so ein ASD-Mitarbeiter. Bei 240 ASD-Betreuern in Hamburg macht das rund 700 Schicksale.

Trotzdem sind beim ASD 20 Stellen aus Geldmangel unbesetzt. Anstatt vor Ort zu helfen, verbringen die Sozialarbeiter außerdem wertvolle Zeit mit Verwaltungskram. Es werden Wartelisten geführt, wo weniger dringende Fälle aufgenommen werden. Weil es immer wieder Noteinsätze gibt, werden Hilfesuchende vertröstet.

"Wir arbeiten präventiv. Wenn man mehr Stellen schaffen würde, könnte die Stadt viele teure Erziehungsmaßnahmen sparen", sagt der Sozialarbeiter. Weil der Kreis der Hilfsberechtigten erweitert wird, soll es 2006 zehn zusätzliche, auf zwei Jahre befristete Stellen geben. "Lachhaft", so der ASD-Mann.

Besonders eng ist es im Süden. In Bergedorf gibt es für 120000 Menschen nur 14 ASD-Mitarbeiter, für 180000 Harburger nur 34. Die Mitarbeiter: Frustriert und überlastet. "Wir sind diejenigen, die ihren Kopf hinhalten müssen, wenn ein Fall wie Jessica auftritt", klagt er. Elisabeth Tinger vom ASD Harburg hielt es nicht mehr aus, sie kündigte (MOPO berichtete).

"700 verwahrloste Kinder. Das zeigt, wie dringend die offenen Stellen besetzt werden müssen", so Christiane Blömeke, GAL-Jugend-Expertin. "Sozialsenatorin Birgit Schnieber-Jastram ist gefordert, den Kontakt zu Mitarbeitern und Personalrat des ASD zu suchen und Verbesserungen anzubieten", so Dirk Kienscherf (SPD), vom Sonderausschuss "Vernachlässigte Kinder".

Die Sozialbehörde bereitet derzeit das Maßnahmenpaket "Hamburg schützt seine Kinder" vor. Sprecherin Katja Havemeister: "Wir werden die Bedingungen dafür schaffen, dass Vernachlässigung schneller erkannt wird."

Hamburger Morgenpost, 18.11.2005

 

 

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