FORUM: Internetzeitschrift des Landesverbandes für Kinder
in Adoptiv und Pflegefamilien S-H e.V. (KiAP) und der Arbeitsge-
meinschaft für Sozialberatung und Psychotherapie (AGSP)


 

Nachrichten / Jahrgang 2005

 

 Polizei findet erneut verwahrloste Kinder

 

Zwei weitere Fälle auf der Veddel und in Eimsbüttel - Sozialsenatorin weist scharfe Angriffe der Opposition zurück

Nach der Befreiung von zwei Kleinkindern aus einer verwahrlosten Wilhelmsburger Wohnung am Freitag sind am Montag in Hamburg zwei weitere Fälle von Kindesvernachlässigung bekannt geworden. Ebenfalls am Freitag sei die Polizei auch in der Slomanstraße auf der Veddel auf die verdreckteWohnung gestoßen, hieß es. Die 42jährige Mutter und ihre sechs Kinder seien mittlerweile vom Amt für Soziale Dienste aus der als "unbewohnbar" eingestuften Wohnung geholt worden. Die eingesetzten Beamten berichten von einem bestialischen Gestank. Sämtliche Möbel waren zerstört, die Wände beschmiert. Auf dem Boden lagen Unrat und Exkremente.

In der Bismarckstraße in Eimsbüttel ließ die Polizei nach Informationen der WELT eine Wohnung öffnen, nachdem eine 31jährige Mieterin den Beamten hartnäckig den Zutritt verwehrt hatte. Im Flur lag kniehoch der Unrat. In dem Chaos krabbelte ein 13 Monate altes Kind, für das es weder Bett noch Wickeltisch gab. Die Polizei alarmierte den Kinder- und Jugendnotdienst. Dieser übergab das Kind in die Obhut der Großmutter.

Unterdessen ist ein politischer Streit über den Umgang mit vernachlässigten Kindern entbrannt. Oppositionspolitiker warfen Sozialsenatorin Birgit Schnieber-Jastram "Untätigkeit" vor. Die Senatorin wiederum wies diese Kritik zurück. Die Kindeswohlgefährdung sei rechtzeitig erkannt worden", sagte die Politikerin mit Blick auf den alten Fall in Wilhelmsburg. Das Jugendamt habe rechtzeitig eingegriffen. Zugleich lobte sie die gute Zusammenarbeit zwischen Jugendamt sowie Kinder- und Notdienst. "Es wurde sofort gehandelt."

Nach den Worten der Sozialsenatorin ließen sich aus den Akten keine Hinweise darauf entnehmen, daß eine akute Kindeswohlgefährdung vorgelegen habe. Zugleich meinte sie, daß der Staat nicht jedes Fehlverhalten von Eltern erkennen könne. Sie forderte die Hamburger auf, in diesem Bereich sensibel zu sein und den Verdacht auf Mißstände den Behörden sofort zu melden. Die Staatsanwaltschaft ermittelt inzwischen gegen die Mutter. Man werfe der 22jährigen Verletzung der Fürsorgepflicht vor, sagte Oberstaatsanwalt Rüdiger Bagger.

GAL-Fraktionschefin Christa Goetsch meinte hingegen, Schnieber-Jastram werde "zu einem Risiko für Kinder in Not". Die Probleme seien seit langem bekannt, aber sie stelle sie nicht ab. Nötig wäre ein fallbezogenes Management, damit man Problemfamilien nicht aus den Augen verliere. Der SPD-Sozialexperte Dirk Kienscherf forderte die Senatorin auf, umgehend alle Altfälle von Kindern in Not zu überprüfen. "In Hamburg tickt eine Zeitbombe kindlichen Elends", sagte Kienscherf. Bei dem Fall in Wilhelmsburg waren in einer verdreckten Wohnung zwei verwahrloste zwei und vier Jahre alte Kinder zwischen Müll und Exkrementen von der Polizei zufällig entdeckt worden.

Im Fall des 13jährigen Jugendlichen, der einen Schulkameraden bei einer Prügelei schwer verletzt hatte, vereinbarte die Sozialbehörde inzwischen einen Hilfeplan mit der Familie. Es werde ein Betreuer zur Verfügung gestellt, sagte der zuständige Amtsleiter Dirk Bange. Zudem erhalte der 13jährige daheim Unterricht, werde einem Psychiater vorgestellt und solle an einem "Coolness-Training" teilnehmen. kik/zv/os
Die Welt - 9-11-05

 

 

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