FORUM: Internetzeitschrift des Landesverbandes für Kinder
in Adoptiv und Pflegefamilien S-H e.V. (KiAP) und der Arbeitsge-
meinschaft für Sozialberatung und Psychotherapie (AGSP)


 

Nachrichten / Jahrgang 2005

 

Der Sohn als Störfaktor
Von Peter Jähnel, Cottbus


Gericht. Drei Jahre lag der kleine Dennis aus Cottbus tot in einer Kühltruhe. Heute beginnt der Prozess gegen seine Eltern.

Der kleine Dennis wurde nur sechs Jahre alt. Dann verschwand das schulpflichtige Kind im Frühsommer 2001 spurlos von der Bildfläche. Ihn schien keiner zu vermissen. Erst drei Jahre später, am 21. Juni 2004, entdeckten Polizisten seine Leiche in der Wohnung der Eltern im Cottbuser Stadtteil Sandow. Der verweste Körper lag in der abgeschalteten Kühltruhe in der Küche.

Von heute an will das Landgericht Cottbus die Umstände der grausigen Tat klären. Für den Prozess sind zehn Verhandlungstage bis 11. Januar 2006 angesetzt. Angeklagt sind die arbeitslosen Eltern des 1995 geborenen Jungen. Die Staatsanwaltschaft wirft der 44-jährigen Frau und ihrem 38-jährigen Mann Totschlag und Misshandlung eines Schutzbefohlenen vor.

Geschlagen, entkräftet, einsam

Außerdem muss sich die Mutter, die elf Kinder geboren hat, wegen Betruges verantworten. Sie soll vom Sozialamt für Dennis noch bis November 2003, rund zweieinhalb Jahre nach seinem Tod, insgesamt 3 786 Euro kassiert haben. Die Mutter belog laut Anklage ihren Mann, die sieben in der Plattenbauwohnung lebenden Geschwister von Dennis sowie die Mitarbeiter der Ämter und Einrichtungen. Allen erzählte sie, der Junge sei krank und anschließend zur Kur. Ihr Motiv sei Geldgier gewesen, glaubt die Staatsanwaltschaft.

Nach Erkenntnissen der Ermittler haben die Eltern Dennis vernachlässigt und drangsaliert. Der kleine Junge sei schlecht ernährt worden und nie beim Arzt gewesen. Die Mutter soll ihren Sohn gehasst und als Störfaktor empfunden haben. Etwa ein Jahr vor seinem Tod habe sie begonnen, ihn zeitweise an das Bett zu fesseln und zu schlagen. Dennis starb entkräftet, verwahrlost und vereinsamt.

Um die Familie von der Kühltruhe fern zu halten, täuschte die Mutter den Ermittlern zufolge vor, das Gerät sei defekt. Auf der Truhe lag eine Decke, darauf stand die Kaffeemaschine. Die Eltern kamen für einige Tage in Untersuchungshaft und sind seitdem auf freiem Fuß.

Ämter mitschuldig?

Für Unverständnis und Empörung in der Öffentlichkeit sorgte, dass Mitarbeiter des Cottbuser Sozialamtes, des Schulamtes und des Jugendamtes nicht konsequent nach dem Verbleib des Jungen forschten und sich mit den Erklärungen der Mutter zufrieden gaben. Das Schulamt bestand auch nicht auf der Vorlage eines schulärztlichen Attestes. Die Mutter meldete Dennis 2002 mit einjähriger Verspätung an, sagte aber zugleich, er sei weiter im Krankenhaus. „Unsere Mitarbeiter hatten keine Zweifel an den Aussagen der Mutter“, betonte damals die Oberbürgermeisterin Karin Rätzel (parteilos).

Personelle Konsequenzen in den Behörden hatte der Fall nicht. Doch die Cottbuser Stadtverwaltung legte einen Elf-Punkte-Plan vor, um die Schulpflicht für alle durchzusetzen. Ein Bericht des Potsdamer Bildungsministeriums listete die Pannen der Ämter auf und forderte Konsequenzen. So soll die Meldepflicht für einzuschulende Kinder strikt durchgesetzt werden, damit kein Kind mehr so wie Dennis unbemerkt verschwinden kann. (dpa)

Sächsische Zeitung v. 27.11.2005

 

 

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